Rettern bietet sich ein Bild des Schreckens

Freudenberg..  Es geschieht am Samstag, 27. Januar 1945: Gegen 18.45 Uhr prallen im Gambachtal oberhalb des heutigen Freibads ein aus Olpe kommender Personenzug mit einem Güterzug zusammen, der von Freudenberg aus bergauf fährt. Der Unfall vor 70 Jahren hat dramatische Folgen: Neun Reisende sterben, 20 Menschen werden schwer verletzt.

Güterwagen kann nicht mehr stoppen

Auf der Strecke herrscht zu dieser Zeit generell viel Betrieb. Bei dem Luftangriff auf Siegen am 16. Dezember 1944 waren Teile der Bahnanlagen zerstört worden, die Ruhr-Sieg-Strecke insgesamt durch Bomben beschädigt. Die eingleisige, mit Dampflokomotiven betriebene Nebenstrecke Finnentrop-Olpe-Freudenberg-Kirchen-Betzdorf nimmt deshalb einen Teil des Zugverkehrs auf, der wegen der Luftangriffe hauptsächlich nachts abgewickelt wird.

Der Zug aus Kirchen sei langsam in den Bahnhof eingefahren, habe dann aber das angezeigte Haltesignal übersehen oder falsch verstanden und die Fahrt fortgesetzt. Es misslingt, die Lok mit einem angehängten Güterwagen irgendwie noch zum Stoppen zu bringen.

Die Rettungsarbeiten sind beschwerlich. Den Bahnangestellten, die in der Dunkelheit im tiefen Schnee zu Fuß herbeieilen, bietet sich ein grausiger Anblick: Zertrümmerte und verkeilte Lokomotiven sowie ein Waggon mit toten Fahrgästen und zerquetschten Verwundeten. Der damalige Arzt in Freudenberg, Dr. Robert Kaufmann, so schreibt G. Riegger-Schrenk 1994 in einem Beitrag für „Freudenberg im Zeitgeschehen“, läuft „schweratmend mit seinem Arztkoffer durch knietiefen, in Verwehungen bis an den Oberschenkel reichenden Schnee“. Bis er den hohen Bahndamm erreicht. Viele Helfer aus Freudenberg machen sich auf den Weg, darunter viele Frauen, die während des Kriegs die Männer der Feuerwehr vertraten. „Der zerstörte, auf der Seite liegende Waggon lag noch einige Jahre oben auf dem an dieser Stelle sehr breiten Bahndamm“, entsinnt sich Freudenbergs Bodendenkmalpfleger Karl-Wilhelm Stahl.

Stadtgeschichte mit vielen Facetten

Das Ereignis hat viele Menschen bewegt und beschäftigt sie noch heute. So erinnert Freudenbergs Stadtarchivar Detlef Köppen mit einem kleinen Plakat an das Unglück. Auch Bahnforscher Klaus Dörner beschäftigt sich immer wieder mit damit. Dieser Bahnunfall von 1945 ist ein Beispiel für die vielen kleinen historischen Facetten, die für den Arbeitskreis Stadt- und Baugeschichte des 4Fachwerk-Mittendrin-Museums von Bedeutung sind. Wer mitmachen möchte, ist jederzeit willkommen (siehe Box).