Raubversuch – Verurteilung nach DNA-Beweis

Siegen..  Wie wahrscheinlich ist es, dass die DNA eines wildfremden Menschen an einer Handtasche gefunden wird, wenn er nicht versucht hat, diese zu rauben? Das war die Frage im Siegener Schöffengericht.

Vor vier Wochen war die Verhandlung mangels Aussagebereitschaft des Angeklagten ohne Ergebnis geblieben. Jetzt musste die Seniorin, die im November 2011 brutal überfallen wurde, noch einmal ins Gericht. Der Täter hatte damals versucht, ihr die Tasche zu entreißen. Die 73-Jährige hielt ihr Eigentum fest, bezahlte dafür aber mit einem Sturz, wurde durch den Rinnstein gezerrt und leidet heute noch an Schmerzen im Kopf und am Fuß. Zudem befindet sie sich noch in einer Traumabehandlung, so Nebenklagevertreterin Simone Göckus.

Das Problem: Alexander L. hatte lange Zeit behauptet, sich an die Tat nicht zu erinnern. Vor vier Wochen änderte er sein Verhalten in komplettes Schweigen. Vor vier Wochen konnte das Opfer ihn nicht eindeutig als Täter identifizieren. Als wichtigster Beweis blieb damit eine DNA-Probe, die 2011 von der Tasche genommen wurde und die mit einer vorliegenden des bereits vorbestraften Angeklagten übereinstimmte.

Ein LKA-Gutachter verwies am zweiten Verhandlungstag darauf, dass vier Spuren an der Tasche sichergestellt worden seien – zwei kaum nachweisbar. Gehe er davon aus, dass die zwei wesentlichen Spuren von Täter und Opfer stammen, sei der Angeklagte statistisch unter 14 Trillionen Menschen der Einzige, der die Merkmale aufweise. Kämen die anderen beiden Spuren dazu, seien es noch 326 Millionen Bio-Daten. Das reiche aus als Beweis seiner Schuld betonte der Sachverständige.

Genauso sah es Staatsanwältin Tanja Sotelsek, die ein Jahr und zwei Wochen Haft beantragte. Der Täter habe an der Tasche gerissen, so Hautspuren hinterlassen. Die Strafe könne zur Bewährung ausgesetzt werden, weil Alexander L. seit 2011 nicht mehr aufgefallen war, eine Therapie gemacht und für Herbst eine Stelle in Aussicht habe. Sie forderte zusätzlich 100 Sozialstunden.

Theorien des Verteidigers

Verteidiger Trode schloss sich an, äußerte aber Zweifel an den Argumenten. Der BGH verlange besondere Sorgfalt, wenn sich ein Urteil allein auf eine DNA-Spur stütze. Es sei erwiesen, dass Menschen jahrelang eine Waffe trügen, sie in die Hand nähmen und dennoch keine Zellen hinterließen. Dann komme „ein armer Idiot“, der einen Gegenstand einmal berühre und sofort eine DNA-Anhaftung hinterlasse. Rein juristisch könne er sich vorstellen, dass sein Mandant dem ihm ansonsten unbekannten Opfer irgendwo einmal begegnet und mit der Handtasche in Berührung gekommen sei. Möglich sei auch, dass ein anderer Täter verantwortlich sei, der Alexander L. irgendwann berührt habe.

Das Urteil lautete schließlich: Ein Jahr Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Die Wahrscheinlichkeit der Gedankenspiele des Verteidigers seien gering, befand Richter Uwe Stark. Sozialstunden gab es nicht. Dafür muss Alexander L. eine Entschädigung von 1200 Euro an die inzwischen 76-jährige Frau zahlen.