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Ärztemangel

Nur Hospitant - Arzt aus Syrien darf nicht arbeiten

27.03.2016 | 10:00 Uhr
Nur Hospitant - Arzt aus Syrien darf nicht arbeiten
Dr. Wasim Alrayes hospitiert am St. Marien-Krankenhaus in Siegen. Der 28-jährige Syrer kann in sein Heimatland nicht zurückkehren. In Deutschland hofft er auf seine Anerkennung als Arzt - das Verfahren dauert allerdings.Foto: Florian Adam

Siegen.   Wenn Ärzte mit Flucht-Hintergrund in Deutschland praktizieren wollen, ist derzeit um so mehr Geduld gefragt. Dabei besteht an Medizinern Bedarf.

Dr. Wasim Alrayes wartet. In seiner Heimat Syrien hat er nach seiner Ausbildung anderthalb Jahre lang als Augenarzt gearbeitet. Doch in Deutschland fehlt dem 28-Jährigen die Berufs-Anerkennung – und es kann noch Monate dauern, bevor er sie ihm erteilt wird. Bis dahin nutzt er die Zeit, indem er im St. Marien-Krankenhaus hospitiert. Ein Vollzeitjob, bei dem er von Gesetzes wegen weit weniger machen darf, als er eigentlich kann. „Aber ich will nicht zu Hause sitzen und nichts tun“, sagt er. „So kann ich mein Deutsch verbessern und Erfahrungen sammeln.“

Mediziner werden gebraucht

Im Oktober hat das Krankenhaus drei Ärzte mit Fluchthintergrund als Hospitanten aufgenommen – auf Initiative von Dr. Bettina Wolf, Chefin der Agentur für Arbeit Siegen. „Wir haben den Hinweis bekommen, dass es da hochqualifizierte Leute gibt“, erläutert Hubert Berschauer, Personalleiter des Krankenhauses. Das Potenzial kommt gelegen, „der deutsche Arbeitsmarkt für Ärzte ist aufnahmefähig“. Damit ausländische Mediziner hier tätig sein dürfen, „bedarf es aber bestimmter Voraussetzungen“.

Einerseits müssen die im Ausland erworbenen Abschlüsse anerkannt werden, andererseits sind ausreichende Sprachkenntnisse nachzuweisen. Für Ärzte sind die Anforderungen besonders hoch, da reibungslose Verständigung mit den Patienten entscheidend ist. Die Sprache ist bei Wasim Alrayes nicht das Problem. Schon während seines Studiums in Syrien hat er Deutsch gelernt, ursprünglich reiste er vor eineinhalb Jahren mit einem regulären Visum ein, um in Mönchengladbach in einem Krankenhaus zu hospitieren. Doch mit den katastrophalen Entwicklungen in seinem Heimatland änderte sich auch seine persönliche Situation: „Ich kann nicht zurück, ich müsste sofort zum Militär.“ Also stellte er einen Asylantrag: „Ich sehe in Syrien derzeit keine Zukunft.“

Verfahren ziehen sich hin

Nach Siegen kam er, weil er hier Freunde hat. Seine auf drei Monate angelegte Hospitation hat er verlängert. Er war in verschiedenen Abteilungen, aktuell ist er in der Zentralen Notaufnahme. Wegen der ausstehenden Approbation darf er nicht allein arbeiten; es muss ein Kollege dabei sein, Alrayes hilft lediglich. Er agiert damit zwar faktisch unter seiner Qualifikation – aber die Alternative weist er von sich: Daheim bleiben und nicht zu arbeiten, „das wäre schlimm.“

Zuständig für die Erteilung der Approbation ist die Bezirksregierung. Früher, sagt Personalleiter Hubert Berschauer, sei so etwas oft „in vier bis acht Wochen geklärt“ gewesen. Doch aktuell ziehen sich die Abläufe wegen der hohen Zahl an Flüchtlingen massiv in die Länge. Arbeitsagentur-Chefin Bettina Wolf kennt das Problem. „Ich habe persönlich fünf oder sechs Fälle vor Augen, wo wir nachgefragt haben, wieso das so lange dauert.“

Potenziale auch im Handwerk

Es sei kein Vorwurf an die Mitarbeiter, „die machen ihre Aufgabe gut“. Aber derzeit seien zu wenig Leute für zu viele Fälle zuständig, und die Verfahren seien kompliziert. Gerade bei Berufen wie Arzt oder Ingenieur sei große Sorgfalt bei der Prüfung erforderlich, um gewährleisten zu können, dass die ausländischen Abschlüsse deutschen Standards entsprechen – oder um zu klären, ob weitere Qualifikationen notwendig sind. Wolf: „Ich würde mir schnellere Verfahren wünschen. Wenn man spürt, dass die Nachfrage steigt, muss man das Personal verstärken.“

Gerade für gut qualifizierte Flüchtlinge sei das geboten. Wenn jemand über eine gute Ausbildung und Berufserfahrung verfügt, „ist in der Regel eine hohe Motivation da, Arbeit aufzunehmen“, so Wolf. Das gelte nicht nur für den akademischen Bereich, sondern beispielsweise auch für das Handwerk.

Dr. Wasim Alrayes ist einer dieser hochqualifizierten Zuwanderer. Er übt sich in Geduld, will in jedem Fall weiter hospitieren und arbeiten, bis er endlich seine Approbation hat. „Die Sprache lernen ist erst einmal ganz wichtig“, rät er anderen Menschen in seiner Situation. „Und immer selbst etwas machen.“

Florian Adam

Kommentare
27.03.2016
16:18
Nur Hospitant - Arzt aus Syrien darf nicht arbeiten
von Moderation | #12

Sehr geehrte Nutzer,
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2016-03-27 10:00
Nachrichten aus Siegen, Kreuztal, Netphen, Hilchenbach und Freudenberg