Nur der Wald ist noch geblieben

Der Waldbesitz hält Nauholz zusammen: Einmal im Jahr unternehmen die ehemaligen Nauholzer und ihre Nachkommen den gemeinsamen Grenzgang,Foto:privat
Der Waldbesitz hält Nauholz zusammen: Einmal im Jahr unternehmen die ehemaligen Nauholzer und ihre Nachkommen den gemeinsamen Grenzgang,Foto:privat
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Nauholz..  Eine der übrig gebliebenen Ortstafeln von Nauholz steht seit 1994 am Rundweg um die Obernau-Talsperre — da, wo einst der Gasthof Jägerheim war. Hier treffen sich ehemalige Bewohner und ihre Nachkommen zum jährlichen Grenzgang der Waldgenossenschaft Nauholz, die den Hauberg des Dorfs bewirtschaftet, das es nicht mehr gibt.

Franz Jaschke, der in Deuz wohnende Waldgenossenschaftsvorsitzende, begrüßt dazu neben dem Revierförster Christian Schwarz auch Jagdpächter Christoph Bernshausen. „Ömm de Krömm römm“ führt der acht Kilometer lange Grenzgang — die „Krömm“ ist einer der unvergessenen Gemarkungsnamen, mit denen die alten Nauholzer viele Haubergsgeschichten verbinden.

Über „Drefft“, „Gohhää“ und „Schärrn“ geht es bergauf „opp de Wiermich“, wo der Sturm Kyrill riesige Schäden anrichtete und nun einen Blick in das obere Nauholztal erlaubt. Neu gepflanzte Douglasien im Plastikgitter, Verbiss durch Rotwild, sichtbare Laubschäden durch den Buchenspringrüssler, neu angelegte Holzabfuhrwege und viele Hinweise auf einige der 38 heimische Baumarten interessieren die Grenzgänger sehr.

120 Einwohner siedeln um

Eine weitere Ortstafel von Nauholz hat ihren Platz im Entnahmeturm der Talsperre gefunden, die 1972 in Betrieb ging — das Ende einer Geschichte, die das Siegerland fast das ganze 20. Jahrhundert beschäftigt hatte. Schon 1903, so hat der Dreis-Tiefenbacher Heimatforscher Ferdinand Lutz ­herausgefunden, gab es Überlegungen zum Bau einer Talsperre: entweder im Nauholztal — oder im Dreisbachtal bei Eckmannshausen. Nachdem 1956 die Breitenbach-Talsperre bei Allenbach ans Netz gegangen war, wurden die Planungen für Netphen akut: Die „Obernau-Talsperre“ sollte es werden.

1961 erfuhren die Einwohner von Brauersdorf und Obernau, dass sie ihre Heimat verlieren. Ihre Nachbarn in Nauholz dachten, sie würden verschont — schließlich sollte ihr Dorf, zweieinhalb Kilometer hinter Brauersdorf, nicht vom Wasser überspült werden. Doch 1964 kamen die Abgesandten des Wasserverbands auch zu ihnen. Nauholz wäre nach dem Bau der Talsperre abgeschnitten gewesen, hieß es. „Hygienische Gründe“ wurden für den Abriss des Dorfs an der künftigen Trinkwassertalsperre angeführt. Rund 120 Einwohner mussten zusehen, wie ihre Häuser im Rahmen von Feuerwehrübungen „warm“ abgebrochen wurden.

Neu-Nauholz wird nie gebaut

Fast ein halbes Jahrhundert später: Nach dem Grenzgang treffen sich die Wanderer im Lagerschuppen „Hennr dr Höh“ mit anderen Nauholzerinnen und Nauholzern zum „Brämchesfest“. Bei leckerem Essen und Trinken begrüßten die „Wasservertriebenen“ – von „Hirte“ Noah (1 Jahr) bis „Fuhrmanns“ Gerda (85 Jahre) – den Netphener Bürgermeister Paul Wagener und Brauersdorfs Ortsbürgermeister Helmut Büdenbender.

Nachbarn sind sie heute nicht mehr. Viele haben in den Neubaugebieten von Brauersdorf, Netphen oder Deuz ein neues Zuhause gefunden. „Neu-Nauholz“, wie es in der Wüste Beienbach entstehen sollte, wurde nie gebaut.„Alte Dorfanekdoten standen im Mittelpunkt der Gespräche, und so mancher blickte wehmütig ins Dorftal“, schreibt Henner Höcker in seinem Gedenken an ein Dorf, von dem nur ein kleiner Teil unter das Wasser der Obernau-Talsperre geriet. „Der Rest wurde Wald und Erinnerung.“ Im Glockenturm, 1981 auf der Dammkrone aufgestellt, läuten zu feierlichen Anlässen die Glocken aus den Kapellen der Talsperrendörfer.

Erinnerungen bewahren die Nauholzer seit dem Untergang ihres Dorfs mittlerweile sogar auf einer eigenen Internet-Homepage. 20 Jahre nach dem Ende der Umsiedlungen, die außer Nauholz am Nauholzbach auch Obernau am Obernaubach sowie Teile von Brauersdorf traf, schrieb Frieda Klappert, die nun in Deuz wohnte, 1988 ein Gedicht. „Jeder hat nun Wasser mehr als genug und kann so viel er will entnehmen“, heißt es in dem letzten Vers, „doch bedenkt: „Wir gaben die Heimat dafür und vergossen sehr viele Tränen.“

„Nuboldysa“ wurde640 Jahre alt

Am 26. Juli 1328 wird Nauholz als „Nuboldysa“ erwähnt – das ist die älteste bekannte Urkunde. 1643 besteht Nauholz aus sechs Häusern, die allesamt Köhlern gehören. 1844 wird Nauholz Teil des Amtes Netphen.


1925 hat Nauholz ein Postamt, eine Freiwillige Feuerwehr sowie elektrischen Strom. Noch 1955 wird ein Feuerwehrhaus gebaut.