Noch bei der Polizei hatte der Gärtner Todesangst
19.04.2010 | 19:00 Uhr 2010-04-19T19:00:00+0200
Siegen/Hilchenbach. Bernd D. hat es geschafft: An sieben Verhandlungstagen saß der 29-jährige Gärtner im Zeugenstand bei der ersten großen Strafkammer des Siegener Landgerichts.
Er äußerte sich zu 60 Fällen, in denen er von vier seiner ehemaligen Kollegen des Hilchenbacher Bauhofs misshandelt und bedroht worden sein soll. „Ich habe den Tag herbeigesehnt, an dem ich hier fertig bin”, beendete D. seine Aussage, „ich will, dass das jetzt in den Hintergrund tritt.”
Im Prozess beginnt offenkundig nun eine Phase, in der nicht nur die Anklagevorwürfe sortiert werden, sondern auch die Rolle der vier Angeklagten differenziert betrachtet wird, die sich bisher selbst so gut wie nicht zu den Vorwürfen geäußert haben. Lediglich Jürgen M., Chef der so genannten „Rödeltruppe”, hatte bei der Polizei ausgesagt, sich selbst bezichtigt, weil er nicht eingeschritten sei.
Polizist: „Das hört
man nicht jeden Tag”
In seiner Aussage, die er später widerrufen hatte, habe M. „das Blaue vom Himmel heruntergelogen”, meinte Bernd D., der auch Nebenkläger ist, allerdings am Montag. Nicht Edwin B., der nie selbst geschlagen habe, sondern Uwe K. sei neben dem Hauptangeklagten Friedrich S. besonders brutal vorgegangen. Kolonnenführer M. wiederum hatte bei der Polizei seinen Kollegen K. ausdrücklich in Schutz genommen. B.'s Verteidiger Dr. Ulrich Endres reichte der erreichte Verfahrensstand: Er halte den Prozess für „entscheidungsreif”; gegebenenfalls werde er beantragen, das Verfahren gegen B. abzutrennen.
„Das hört man nicht jeden Tag.” Der Kriminaloberrat, der das Ermittlungsverfahren bei der Polizei leitete und Bernd D. an den vielen Tagen der Verhöre kennen lernte, beschrieb im Zeugenstand seine ersten Eindrücke: „Er hatte Todesangst.” Die habe sich erst nach der Durchsuchung der Wohnungen und Arbeitsplätze der heute Angeklagten am 30. Oktober 2008 gelegt. Bis dahin habe die Furcht überwogen, die Vorwürfe könnten vertuscht werden – schließlich war es erst der Anwalt des Opfers, der den Siegener Polizeichef auf die Anzeigen aufmerksam machte. Die wurden im Juli zunächst beim Kreuztaler Kriminalkommissariat bearbeitet, bevor die Behördenleitung ein Team in Siegen einsetzte. Schon die Suche nach einem Leiter der Ermittlung sei nicht leicht gewesen, berichtete der Beamte: „Es gibt unglaublich viele Verbindungen in Hilchenbach, Verwandtschaften und Bekanntschaften sind nicht ganz klar.”
Die Vorwürfe, so der Kriminaloberrat, seien „nahezu unglaublich”. Dennoch halte er Bernd D. für glaubwürdig: „Es klang plausibel, zumindest authentisch.” Das steht für Dr. Klaus Przybilla, Verteidiger des Hauptangeklagten, in Frage: Er benannte am Montag drei weitere Zeugen, die Zweifel an D.'s von Gutachtern bestätigter Glaubwürdigkeit erhärten sollen. „Vergebliche Liebesmüh”, erwiderte Oberstaatsanwalt Joachim Ebsen.
Freitags sind die Chefs
im Zeugenstand
Aus der langen Zeugenliste will die Kammer selbst nur noch Bernd D.'s Freundin, einen Kollegen und möglicherweise seine Ärzte laden. Am Freitag sollen der Chef des Bauhofs und D.'s früherer direkter Vorgesetzter gehört werden. Weil gegen sie allerdings auch ermittelt wird, dürfen sie Aussagen zu den Anklagepunkten verweigern.
22:28
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.