Neues Fahrpreissystem wird teuer bezahlt

Siegen-Wittgenstein..  Mit einer Fahrkarte von Irmgarteichen nach Telgte: Das soll der Westfalentarif für den Bus- und Bahn-Nahverkehr ermöglichen. Der Starttermin, so berichtet Helmut Rameil, Tarifexperte des Zweckverbands Personennahverkehr (ZWS), ist vom 1. August 2015 auf den 1. August 2016 verschoben worden — „und der wackelt auch“. Denn im Dreiländereck droht der Tarif zum Verlustgeschäft zu werden: „Deutlich weniger Einnahmen und ein Stück weit weniger Tarifhoheit.“

Außer dem Geld, mit dem die Fahrgäste in den Bussen der Vekehrsgemeinschaft (VGWS) oder an den Automaten in Siegen-Wittgenstein und Olpe Fahrscheine kaufen, fließt jährlich ein Betrag aus Köln in die Kassen der Siegener Nahverkehrs-Anbieter: Geld, das mit dem NRW-Tarif verdient worden ist — also woanders gekaufte (Bahn-)Fahrkarten, die auch in den Bussen in Siegerland und Wittgenstein gelten.

Künftig wird auch noch Geld aus dem Westfalen-Tarif überwiesen, der in den fünf Verbünden in Westfalen-Lippe angewendet wird. Nur: Diese Überweisungen machen zusammen nur noch 20 Prozent der bisherigen Einnahmen aus Köln aus, die im Gegenzug von den Kosten für das neue Ticketsystem mehr als aufgezehrt werden. „Wer die Musik bestellt, muss sie bezahlen“, findet Helmut Rameil, „man muss sich irgendwie treffen“ — zumal der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL), dem der ZWS auch angehört, gesetzlich zu der Vereinheitlichung des Tarifs verpflichtet worden ist.

Kein „Maulkorb“ aus Unna

Wenn Einnahmen verloren gehen, so Rameil weiter, „hat das Bedeutung für den eigenwirtschaftlichen Bereich“. Im Klartext: Es wird unwahrscheinlich, dass ein Verkehrsunternehmen sich um die 2018 frei werdenden Bus-Linienbündel bewirbt, um sie ohne Subvention auf eigene Rechnung zu betreiben.

In der Verbandsversammlung ist Klaus-Dieter Wern, Inhaber der Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd (VWS), nur Zuhörer. Seine Meinung macht er aber deutlich: „Mit uns nicht.“

97 Prozent der Fahrgäste in Siegen-Wittgenstein und Olpe kommen mit dem Ticket der VGWS aus, nur drei Prozent sind NRW-Kunden. Von diesen wiederum hätten gerade einmal 15 Prozent einen Vorteil von dem neuen Westfalentarif — die anderen fahren vor allem ins Rheinland. Helmut Rameil überraschte dann auch noch mit der Mitteilung, dass das Land selbst bereits zum 1. Januar 2016 einen „ertüchtigten NRW-Tarif“ einführen werde. Der bietet dann nicht nur den Einheitsfahrschein von Irmgarteichen nach Telgte wie der Westfalentarif, sondern zum Beispiel auch von Niederdresselndorf in jedes beliebige Dorf im tiefsten Rheinland.

„Welchen Sinn hat dann noch der Westfalentarif?“, fragt Frank Beckehoff, Vorsitzender der ZWS-Verbandsversammlung. Eine Antwort darauf weiß niemand. Dass das Thema auf einen Konflikt im Westfalen-Zweckverband hinausläuft, liegt auf der Hand. Dazu passt die Diskussion über das „Kommunikationskonzept“, das die Zentrale in Unna mit den regionalen Geschäftsstellen wie dem ZWS verabreden will. Immerhin, so Günter Padt: „Den Maulkorb, wie man ihn mal angedacht hatte, wird es nicht geben.“