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"Tour gegen Rechts"

Neonazi-Aussteiger: „Demokratie lebt nicht vom Zuschauen”

27.05.2009 | 09:22 Uhr
Neonazi-Aussteiger: „Demokratie lebt nicht vom Zuschauen”

Siegen. „Männlich, jugendlich, erwerbslos, haarlos und aus dem Osten” – so sähe ein Neonazi aus, wenn man „ihn sich backen” könne, beschreibt Jörg Fischer-Aharon die Klischees. „Das ist aber alles falsch.” Er muss es wissen: Neun Jahre war er selber aktiver Neonazi.

Neonazi-Aussteiger Jörg Fischer-Aharon. Foto: Sebastian Korinth

Vor mehreren hundert Berufsschülern des Berufskollegs für Technik warnte der Aussteiger vor der Neonazi-Szene. Er räumte mit Klischees und Vorurteilen auf und hielt ein emotionales Plädoyer für gelebte Demokratie. Bildung, Präventionsarbeit und die Stärkung demokratischen Bewusstseins waren für den heute als Journalist arbeitenden Szeneaussteiger wichtige Elemente im Kampf gegen aufkeimenden Rechtsextremismus. „Wir müssen den jungen Leuten eine Perspektive geben, für Ausbildungs- und Arbeitsplätze sorgen”, betonte Fischer-Aharon. Und natürlich solche, von denen die Menschen auch leben könnte, sagte der 40-Jährige vor den Azubis.

Entfremdung von der Lebenswirklichkeit

Eindrücklich stellte sein Abgleiten in die rechtsetxreme Szene und sein Engagement in der NPD vor. Wie er schon als 13-Jähriger von einem Beamten vereinnahmt und systematisch in die Szene gezogen wurde. Wie vermeintlich unpolitische Stammtische und Musikangebote die Ideologie verfestigt, das soziale Umfeld verändert und von seiner bisherigen Lebenswirklichkeit, seinen Freunden und der Familie entfremdet wurde.

Er warnte die Jugendlichen, einfach wegzusehen. „Ihr müsst selber mitbestimmen, in welcher Gesellschaft ihr künftig leben wollt. Die Demokratie lebt nicht vom Zuschauen.” Mit Beispielen aus der Neonazi-Ideologie schaffte es Fischer-Aharon, die Azubis aus der Reserve zu locken. Er machte ihnen an Beispielen deutlich, dass sie alle – auch die unpolitischen unter ihnen – von einer erneuten Machtübernahme der Neonazis betroffen wären.

Krudes Frauenbild und brutaler Rassismus

Dazu nutzte er unter anderem das 100-Tage-Programm des rechten „Vordenkers” Horst Mahler. Dieser formulierte, dass es in der neuen Gesellschaft zum Beispiel nur noch drei Fernseh- und Radioprogramme geben soll. Und junge Leute dürfen erst nach dem Abschluss von Schul- und Berufsausbildung einen Führerschein machen – und bekämen zudem bis zum 25. Lebensjahr eine Hubraum- und PS-Beschränkung.

Ganz abgesehen vom allgegenwärtigen, gewalttätigen Rassimus und Antisemitismus sowie dem kruden Frauenbild: Frauen wolle die NPD von der Last befreien, einer Erwerbstätigkeit außerhalb des Hauses nachgehen zu müssen. Ganz abgesehen davon, dass die Partei unverhohlen droht, Frauen zum Kinderkriegen zwingen zu wollen.

Jörg Fischer-Aharon war übrigens auf Einladung der Berufsschule und der IG BAU im Rahmen der „Tour gegen Rechts” in Siegen zu Gast. „Es ist schade, dass ich sie hier begrüßen darf oder begrüßen muss”, sagte Direktor Roland Geldsetzer mit Blick auf den zunehmenden Rechtsextremismus und die Demos. Als Schule habe man die Aufgabe, einen Beitrag für die Stärkung der demokratischen Gesellschaft zu leisten.

Mehr zu Jörg Fischer-Aharon

Alexander Voelkel

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