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1944 - Bomben auf Siegen

Nach vier Minuten ein Trümmerfeld

10.12.2009 | 18:12 Uhr

Siegen. „Es ist ein Versuch, Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen” – so begann Herbert Bäumer seinen Vortrag im Ev. Gemeindezentrum Hengsbach.

Der steinerne Erzengel "Michael" wurde beim Bombenangriff auf die Stadt Siegen, am 16. Dezember 1944 teilweise zerstört: Im fehlt ein eil des rechten Flügels.

Er erinnerte an den 16. Dezember 1944 – den Tag, an dem Bom- ben in vier Minuten das alte Siegen zerstörten und 348 Menschen starben.

Sechs Monate lang hat der Siegener Journalist per Internet Daten und Fakten aus amerikanischen und britischen Archiven zusammen getragen.

Bahnhof und Industrie waren wichtige Ziele

„Ich werde einiges richtig stellen müssen”, kündigte er zu Beginn an. Seinen Vortrag verdeutlichte er mit vielen Dokumenten und Fotos, die bisher in Siegen noch nicht bekannt waren.

Bäumer machte auch klar, was zum Krieg und schließlich zum Bombenangriff auf Siegen führte: „Der Überfall auf den Sender Gleiwitz.” Vom Band kam die Original–Stimme Adolf Hitlers, der nach dem von den Nazis fingierten Angriff über Volksempfänger verkündete: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen.” Vielen im Saal stockte der Atem. Eine alte Dame flüstert die Worte nach – sie haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Minutiös zählte der Referent die Folgen des NS-Wahnsinns für die Stadt Siegen und die nähere Umgebung auf. Bomben fielen bereits im Mai und Oktober 1940: „Am 17. September 1944 gab es mehrere Volltreffer auf den Bahnhof und auf den Wellersberg.”

Auch die Gründe, weshalb Siegen ein wichtiges Ziel war, nannte er: Es war Standort des Heeresverpflegungszentrums in der Schemscheid, von Kriegsindustrie und von mehreren Kasernen, es war ein Eisenbahnknotenpunkt und beherbergte den Leitungsstab V-Waffen im Hermelsbacher Weg. Die V-Rakete, die am 16. Dezember ein Kino in Antwerpen zerstörte und über 500 Menschen tötete, sei von Siegen aus befehligt worden: „Auch das gehört zur Wahrheit.” Der Krieg sei aber keinesfalls von Siegen ausgegangen: „Es war die Wehrmacht, die unter verbrecherischer Leitung stand.”

Diagramm zeigte die Einschläge

Herbert Bäumer berichtete auch bereits Bekanntes – dass der Angriff eigentlich am 15. Dezember geplant war, dass die Flieger aber wegen des schlechten Wetters abdrehten und über dem Ärmelkanal Last abwarfen – und dass eine der Bomben das Flugzeug traf, in dem der amerikanische Orchesterchef Glenn Miller saß.

Der 16. Dezember sei kein strahlender Sonnentag gewesen, wie oft behauptet werde, sagte der Referent. Original-Motorenlärm der Lancaster-Flugzeuge erschreckte die Zuhörer im Gemeindesaal. Einige Ältere, die den Angriff miterlebt hatten, hielten sich die Ohren zu – auch als Herbert Bäumer den schrillen, durchdringenden Sirenenton abspielte.

Um 14.45 Uhr gab es Fliegeralarm. Um 14.53 Uhr meldete der Rundfunk akute Luftgefahr. 92 Lancaster und eine Mosquito waren im Anflug, 20 deutsche Jäger versuchten sie abzuwehren. Der Angriff erfolgte um 14.59 Uhr – um 15.03 Uhr war alles vorbei. 474 Tonnen Bomben waren gefallen. In einem Diagramm der Amerikaner waren ihre Ziele exakt verzeichnet.

Der Turm der Nikolaikirche blieb

Bisher unveröffentlichte Fotos zeigten die Stadt vor und nach dem Angriff. Von der Oberstadt mit ihren prächtigen Fassaden und der idyllischen Altstadt waren Ruinen übrig geblieben. Nur der Turm der Nikolaikirche und die nackten Schornsteine der Häuser ragen in den grauen Himmel. Siegen – ein Trümmerhaufen.

Brigitte Wambsganß

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Kommentare
15.12.2009
15:02
Nach vier Minuten ein Trümmerfeld
von naja | #2

Hatte diesen Artikel zuvor nicht gesehen, deshalb der späte Kommentar:

Nun verstehe ich nach den verworrenen Artikeln in der Presse endlich, was es mit der Geschichte im Stadtrat und dem Antrag Antwerpen zu tun hat... und begrüße den Antrag der LINKEN dann sehr.

Was dieser Vortrag und der Artikel bewirken oder bewirken sollen, ist mir ebenfalls unklar. Es ist historisch interessant zu wissen, wie die Abläufe waren, wie viele Tonnen Bombem gefallen sind, wann die Sirene das dritte Mal ausging. Aber eine politische Bewertung muss anders ausfallen, als der Krieg ist nicht von Siegen ausgegangen...

P.S.: So eindeutig ist Glen Millers Tod nicht aufgeklärt.

10.12.2009
20:25
Nach vier Minuten ein Trümmerfeld
von Peter Beier | #1

Die Schuld auf die verbrecherische Führung der Wehrmacht zu reduzieren, ist extrem verkürzt. Auch in Siegen wurde eine Grundlage gelegt, dass diese Führung ihre Macht ausspielen konnte. Militärisch-strategische Gründe, die zum Bombenabwurf genannt wurden, helfen mehr bei einer Bewertung der Militärstrategie - war sie effektiv oder nicht - und weniger bei einer Bewertung der Ursache, die zur Bombadierung führte. Ob sich Angehörige der Opfer dabei unterstützt fühlen ist individuell zu sehen und damit offen. Ob mit diesem Vortrag eine weiter Grundlage gelegt wurde damit sich eine ähnliche Entwicklung nicht wiederholt, kann ich nicht sehen.

Nebenbei, Demokratie wird nie funktionieren, wenn ich mich auf das Führerprinzip berufe.

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