Nach derbem Spott ist alles vergeben und vergessen

Jedes Jahr zu Silvester bestraft die Wurstekommission Pleiten, Pech und Pannen der Bevölkerung.
Jedes Jahr zu Silvester bestraft die Wurstekommission Pleiten, Pech und Pannen der Bevölkerung.
Foto: WP

Netphen-Salchendorf..  Wenn die Wurstekommission ruft, kommen alle. Von überall her. Junge Männer strömen aus aller Welt in das 1300-Seelen-Dorf am Werthebach, um ihresgleichen zu bestrafen. Manche ersehnen das regelrecht, andere fürchten sich davor. Aber Spaß haben sie dann alle daran. Nicht nur die Junggesellen, sondern das ganze Dorf. Der Ortskern dröhnt vor Gelächter beim traditionellen Silvesterumzug der Motivwagen.

Jugendliche, junge Familien, gestandene Herren, Senioren. Jeden könnte es erwischen, denn irgendwer hat immer etwas verbrochen, sich daneben benommen, Pech gehabt. Der junge Mann, der sich mit dem Gabelstapler festfuhr, zum Beispiel. Drei Mal. Seine Rufe nach Otto, dem Mann auf dem rettenden Trecker, werden immer verzweifelter. Und Otto, der mit weißem Bart immer wieder herangerumpelt kommt, immer genervter.

Baldige Hochzeit erwünscht

Die Salchendorfer kennen ihre Pappenheimer. „Der kriegt immer die bekloppten Rollen“, kichert eine Frau, als ein geschminkter junger Mann in Minirock an ihr vorbeizieht. „War dat so?“, fragt ein Salchendorfer. Die örtliche Fußballmannschaft war auf dem Weg nach Mallorca, einer hatte vor lauter Vorfreude schon kräftig getankt und legte sich im Flieger die Rettungsweste an. Daran ist oft eine Pfeife befestigt, von der er wohl kräftig Gebrauch machte. „Jou“, nickt ein Spielerkamerad. „Eins zu eins“, sagt er, während der Schauspieler auf der Kreuzung lautstark grölt und pöbelt. Bis der „Pilot“ ihm ein Ende macht.

Es passieren reichlich Begebenheiten dieser Art, in Salchendorf und den Salchendorfern, wo immer sie auch sind. Und damit es möglichst alle mitkriegen, gibt es die Wurstekommission. Unter anderem. Sie schreiben das Wursteblatt. Über 60 aktive Junggesellen, älter als 16, meist jünger als 30, zählt der Verein, um Nachwuchs braucht sich der Vorstand keine Sorgen zu machen, sagen Tobias Müller und Benedikt Büdenbender. Die Dorfjungs können es kaum erwarten, endlich alt genug zum Mitmachen zu sein, und die Älteren werden nicht selten von ihren Kommissionskollegen – und nicht von Mutti – dazu gedrängt, doch endlich mal zu heiraten und so den Platz für frische Gesichter zu räumen.

Sie sammeln Geschichten und Verfehlungen, Pleiten, Pech und Pannen. Ab dem dritten Advent wird überlegt: Was lässt sich in einen Wagen ummünzen? Und ab dem zweiten Weihnachtsfeiertag werden Aufträge an Gruppen von fünf bis sechs Salchendorfern vergeben, die in den paar Tagen bis Silvester in ihren Schuppen aus einfachsten Mitteln erstaunliche Motivwagen zusammenklöppeln. Währenddessen schreibt der Vorstand das Witz- und Intelligenzblatt nieder.

Wurst für den Frühschoppen

Der Vorstand der Kommission hat an Silvester den härtesten Job. Zwölf junge Herren, immer die ältesten Mitglieder, ziehen ab 10 Uhr morgens in Anzug und Zylinder von Haus zu Haus und sammeln Wurstspenden. Je später der Tag, desto mehr Mett- und Fleischwürste schleppen die Kerle auf ihren schweren Stäben durch die Gegend. Wenn alle abends bei der großen Fete versammelt sind, werden die Wagen verbrannt, die Sünde gilt als getilgt, die Würste gehen beim Frühschoppen am Neujahrsmorgen ihrer Bestimmung zu. Aber schon in der Silvesternacht wird der Startschuss für Meldungen für die nächste Wurstezeitung gegeben.

Vortrag im Spiel und in Versen

Damit es auch wirklich alle mitbekommen, wird das Witz- und Intelligenzblatt mehrfach öffentlich vorgelesen, außerdem die Geschichte hinter den Wagen in Reimform darauf geschrieben und die Erbauer stellen beim Umzug die Geschehnisse nach.

Wagen, Show und Sprüche werden bewertet, die ersten drei Teams prämiert.

Es soll vorkommen, dass manche Salchendorfer absichtlich Dummheiten begehen, um die Laufbahn mit einem eigenen Motivwagen gekrönt bekommen.