Mit Kakao und Speck drangsaliert

Im Siegener Gericht geht es am Dienstag um einen Fall von Misshandlung mit eigenwilligen Mitteln: Das Opfer wurde mit Nahrung traktiert – unter anderem mit Speck und Eiern.
Im Siegener Gericht geht es am Dienstag um einen Fall von Misshandlung mit eigenwilligen Mitteln: Das Opfer wurde mit Nahrung traktiert – unter anderem mit Speck und Eiern.
Foto: Irmine Skelnik
Was wir bereits wissen
Schinkenspeck soll als Schlagwerkzeug zum Einsatz gekommen sein, Eier als Wurfgeschosse: Die Siegener Justiz befasst sich mit einem Misshandlungsfall.

Siegen..  Als Staatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss die Anklage verliest, kann sich kaum einer im Gerichtssaal ein leises Schmunzeln verkneifen. Trotz der eigentlich ernsten Situation. Der Angeklagte Jozef B. (24) und zwei Mittäter sollen den Zeugen R. am 21. und 22. Mai 2014 mit ungewöhnlichen Mitteln bedroht und misshandelt haben.

Der Mann wurde in seiner Siegener Wohnung eine Zeit lang gefangen gehalten, mit Eiern beworfen, mit Milch und Kakaopulver überschüttet und schließlich mit einer großen Scheibe Schinkenspeck auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen. Danach erklärte er sich bereit, auf den Namen eines der Mittäter Mobilfunkverträge abzuschließen.

Erlös sollte geteilt werden

Es sei darum gegangen, neue Mobiltelefone zu bekommen, die verkauft werden sollten. Der Erlös hätte geteilt werden sollen, gibt Jozef B. zu. Er selbst habe nur einmal mit dem Speck geschlagen und dann die Wohnung verlassen, sagt er weiter. Seine Komplizen gingen anschließend mit R. in verschiedene Mobilfunkläden. Zu einem Vertragsabschluss kam es nicht, weil das Opfer keine Bankkarte dabei hatte.

Am zweiten Tag trafen die Männer auf Polizei, denen sich R. offenbarte. Das Verfahren gegen T. wurde im Hinblick auf andere Straftaten bereits vorher eingestellt. Der andere Mittäter S. bekam ein Jahr und zwei Monate ohne Bewährung. Blieb noch Jozef T., der direkt nach dem Geschehen vier Wochen in U-Haft saß und seit Dezember wieder hinter Gittern ist. Er hatte im Juli Haftverschonung bekommen und musste sich regelmäßig bei der Polizei melden. Das klappte irgendwann nicht mehr. „Meine eigene Schuld“, sagt der Angeklagte mit leiser Stimme.

Er habe damals Drogen genommen. Eigentlich sei es wohl nur um eine Abrechnung mit dem R. gegangen, weil der einer Freundin des S. wohl einmal Rauschgift verkauft habe. Genau wisse er es nicht, sagt T. weiter. Die Sache sei „irgendwie völlig aus dem Ruder gelaufen“. Seit er sich in U-Haft befinde, nehme er jedenfalls „eigentlich nichts mehr“, lässt T. dann noch wissen. Er habe Kontakt zur Suchtberatung aufgenommen und wolle an sich arbeiten.

Seine Mutter sitzt auf dem Flur, traut sich nicht in den Gerichtssaal. Beim Urteil wird sie dabei sein, mit Sorge und Verzweiflung im Blick. Außer zwei Polizisten sind keine Zeugen gekommen. Auch das Opfer nicht. „Wenn nur die Hälfte von dem Gehörten stimmt, hat der wahrscheinlich kein Interesse, hier zu erscheinen“, sagt Schöffenrichter Uwe Stark. Der Staatsanwalt beantragt ein Jahr und zwei Monate, wie beim bereits verurteilten Mittäter. Für eine Bewährung sieht von Grotthuss keinen Raum. Ein Angeklagter, der praktisch nur in Haft drogenfrei lebe, könne keine Bewährung bekommen. Das sei zu gefährlich, auch für ihn sagt der Staatsanwalt, regt aber die Möglichkeit einer Therapie nach § 35 BTMG an. Verteidiger Uli Schmidt findet das nicht gerecht. Sein Mandant sei im Vergleich eher ein Mitläufer gewesen, der sich „früh abgeseilt“ und bereits fünf Monate U-Haft verbüßt habe. Schmidt kann sich eine Bewährung mit fester Therapieauflage vorstellen.

Etwas muss geschehen

Richter und Schöffen sind anderer Meinung. Ein Jahr und ein Monat ohne Bewährung lautet das Urteil. Es müsse jetzt etwas mit dem Angeklagten geschehen, warnt Stark. Sonst lande der 24-Jährige ganz schnell auf dem Friedhof, wird er deutlich. „Sie sollen jetzt eine Therapie machen. Sie sollen jetzt einen Schlussstrich ziehen“, beschwört der Vorsitzende den Siegener.

Eine Aussetzung zur Bewährung halte er „für unverantwortlich“. Umgekehrt sei eine Therapie in wenigen Wochen durchaus realistisch. Jozef B. schaut verdrießlich zu Boden. „Geben Sie mir drei Minuten“, sagt der Anwalt und geht mit seinem Mandanten kurz vor die Tür: „Wir akzeptieren.“ Der Staatsanwalt verzichtet ebenfalls auf Rechtsmittel. Es gibt noch einige offene Verfahren. Diebstähle. „Wir regen an, die einzustellen. Damit Sie jetzt wirklich einen Strich ziehen können“, so Stark.

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