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Mit dem Keiler an den Bobr

06.08.2010 | 17:33 Uhr
Mit dem Keiler an den Bobr

Netphen.Wenn gute Freunden einander besuchen, haben sie ein Gastgeschenk dabei: Von dem Bad Laaspher Holzskulpturenkünstler Tasso Wolzenburg haben die Netphener sich ihr Wappentier schnitzen lassen.

Der Keiler wird das Mitbringsel sein, das die Partner in Zagan am 10. September freudig in Empfang nehmen.

Dort, im Prunksaal ihres Schlosses, werden die Bürgermeister Slawomir Kowal und Paul Wagener 15 Jahre Städtepartnerschaft feierlich würdigen – und mit ihnen Rüdiger Bartsch, der den Partnerschaftsvertrag als Netphener Bürgermeister mit unterzeichnet hat und nun in neuer Rolle als Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins unterwegs ist. Bartsch, gebürtiger Waldenburger, ist einer der Väter dieser Verbindung zwischen Siegerland und Schlesien. Der andere ist Ulf Stötzel, damals Gemeindedirektor in Netphen und später Bürgermeister von Siegen. Er lernte Zagan, das früher Sagan hieß, 1994 kennen, als er mit einer Delegation des Siegener RWE im benachbarten Grünberg war – der Stadt, in der er 1939 geboren wurde.

1995 Polnisch
für Anfänger

„Ich kann mir Gebäude, die heruntergekommen sind, schön träumen“, erklärt Stötzel, der studierte Bauingenieur, warum es ihm leicht fiel, den Zaganer Stadtkern mit Schloss und Marktplatz als Kleinod zu erkennen. Soll heißen: Es sah nicht gut aus in der 27 000 Einwohner zählenden schlesischen Stadt, die die deutschen Einwohner 1945 verlassen mussten und in der ihrerseits aus Ostpolen und Galizien vertriebene Menschen eine neue Heimat fanden. „Das war ein Herantasten“, erinnert sich Hermann-Josef Steiner, stellvertretender Vorsitzender des Partnerschaftsvereins, an die ersten Begegnungen. Die Geschichte, die beide Nationen verbindet, wirkte durchaus belastend.

Zu denen, die beim Eisbrechen entscheidend mithalfen, gehört Marian Swiatek, der den Austausch bis heute als Dolmetscher begleitet. Der Mann mit dem Talent für das durchaus eigenwillige Übersetzen, der aus langen Tiraden anderthalb Sätze destilliert, gehört inzwischen zu den wenigen polnischen Trägern des Bundesverdienstordens, den ihm der deutsche Generalkonsul 2005 in Zagan überreichte. „Er hat Fantastisches geleistet“, sagt Ulf Stötzel, der indes beinahe mitverantwortlich dafür geworden wäre, Swiatek als Dolmetscher überflüssig zu machen. Gleich zwei Polnischkurse richtete die Volkshochschule zu Beginn der Städtepartnerschaft in Netphen ein.

1851 Herzogtum Sagan


Die waren anfangs überfüllt – bis zum fünften Semester hielten allerdings nur wenige durch, unter ihnen natürlich die Eheleute Bartsch und Stötzel. Und Helga Moczala, die einst als Chefsekretärin im Rathaus und heute, im Ruhestand, als Geschäftsführerin des Partnerschaftsvereins alle organisatorischen Fäden zusammenhält. „Ich kann überhaupt nichts“, behauptet sie über ihren Lernerfolg – wer’s glaubt...

Vieles ging aber auch ohne Worte: die sportlichen Begegnungen zum Beispiel. Vereine und Schulen fanden ihre eigenen Formen des Austauschs. Auf Spurensuche begaben sich Netphener Gymnasiasten mit ihrem Lehrer Rüdiger Käuser, der auch einige Jahre den Partnerschaftsverein leitete. Sie konnten einen deutschen Saganer Stadtplan mit „Kaiser-Wilhelm-Brücke“ und „Bahnhofstraße“ entdecken und das Stadtkrankenhaus und frühere russische Militärhospital. Das wurde 1851 als „Spital zur Heiligen Dorothea“ gebaut, benannt nach der Saganer Herzogin Dorothea von Talleyrand-Périgord.

„Vorbehalte wurden durch intensive persönliche Freundschaften schnell abgebaut“, berichtet Ulf Stötzel. Dass das möglicherweise durchaus nicht nur leicht fiel, ließen sich die Partner zumindest nicht anmerken.

1944 Hitlers
Sagan-Befehl

Immerhin hatte Sagan, einst Sitz eines Fürstentums, das „Stalag Luft 3“ in seinen Grenzen: ein Kriegsgefangenenlager der Nazis und Ort eines auf Hitlers „Sagan-Befehl“ verübten Massakers. Diskret hielten die Gastgeber ihrerseits die Interna ihrer turbulenten Kommunalpolitik verborgen; für die Netphener war es meist nur schwer herauszufinden, welche politische Richtung am Bobr (auf Deutsch: „Biber“) gerade Oberwasser hatte.

Wenn die Netphener im September in Zagan sind, werden sie bei der Eröffnung des Bobr-Boulevards dabei sein, neuestes Zeichen des unübersehbaren Aufschwungs, den die Stadt vor allem mit Unterstützung der EU genommen hat. „Die Umgehungsstraße haben sie innerhalb von fünf Jahren gebaut“, sagt Ulf Stötzel ein bisschen neidisch, „dafür haben wir 40 Jahre gebraucht.“

2010 Biber oder
Keiler?

Freundschaftsbesuch mit Gastgeschenk: Für die Kreuzkirche spendierte Netphens damaliger CDU-Fraktionschef Aloys Hoffmann seine Heimorgel. Für die Restaurierung des Turms, der von der Gnadenkirche übrig geblieben war, startete der frühere Netphener Pfarrer Dirk Gogarn eine große Spendenaktion. Ob der hölzerne Keiler, nach dem Dilldappen, das richtige ist? „Es gab ja auch schon mal Spanferkel in Sagan“, erinnert Helga Moczala, wie die Bürgermeister Rüdiger Bartsch und Jan Sosnowski einen Verwandten des Netphener Wappentiers auf dem Lagerfeuer auf der Za­ganer Heide grillten. „Biber“, glaubt Netphens heutiger Bürgermeister Paul Wagener, der zum ersten Mal nach Sagan mitfährt, „Biber schmeckt auch gut.“

Steffen Schwab

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