Mit dem Glauben die Sucht bezwungen

Renate Kölsch, 1. Vorsitzende des Blauen Kreuzes, kann heute offen über ihre Alkoholsucht sprechen.
Renate Kölsch, 1. Vorsitzende des Blauen Kreuzes, kann heute offen über ihre Alkoholsucht sprechen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Renate Kölsch war lange Zeit Alkoholabhängig. Jetzt kann sie offen über ihre Vergangenheit reden, die nicht immer ganz einfach war

Siegen..  Renate Kölsch sitzt allein in dem großen Stuhlkreis. Eigentlich versammeln sich dort Suchtkranke, Menschen, die abhängig sind von Alkohol oder Drogen, die Hilfe suchen beim Blauen Kreuz in Siegen. Die kleine Frau mit dem freundlichen Lächeln gehörte selbst mal in diese Runde. Sie erzählt ihre Sucht-Geschichte, die begann, als sie 16 Jahre alt war. Damals absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Jeden Morgen in der Frühstückspause schenkte ihr die Stationsschwester ein Glas Martini ein. „Ich fühlte mich als etwas Besonderes, wenn ich machte, was sie wollte.“ Trank sie mit, wurde sie bevorzugt behandelt. Schon ein dreiviertel Jahr später merkte sie, das etwas nicht in Ordnung war. Innere Unruhe und Unkonzentriertheit setzten ein. Irgendwann steigerte sie ihre Dosis auf eine ganze Flasche Martini pro Tag. „Da war es schon zu spät, der Kontrollverlust war da“, sagt sie mit ruhiger Stimme.

Ihr Körper brauchte mehr

Sie verdrängte damals ihr Problem. Je jünger man sei, desto schneller rutsche man in ein Abhängigkeitsgefühl reflektiert sie jetzt. Damals reflektierte sie ihr Verhalten nicht, es wurde immer schlimmer, ihr Körper brauchte immer mehr. Irgendwann war der Führerschein weg. Mit 3,8 Promille fuhr Renate Kölsch auf ein parkendes Auto auf. Trotzdem schaffte sie es nicht, aufzuhören. „Manchmal trank mein Mann ein Glas Bier. Ich trank mit, er wusste ja nicht, dass ich schon getrunken hatte“, sagt sie. Sie ging zum Blauen Kreuz, schaffte es sogar für kurze Zeit abstinent zu leben. Über ein Jahr lang. Doch zufrieden war sie damals nicht. Irgendwann war sie auf der Straße unterwegs, fuhr auf die Autobahn, fest entschlossen, in die Leitplanke zu rasen, „aus diesem Leben abzutreten.“ Renate Kölsch fühlte sich abgeschoben von ihrer Familie, zweifelte an sich selbst, weil sie es allein nicht schaffte, mit dem Trinken aufzuhören. „Mein Leben ist nichts mehr wert“, hat sie gedacht. Dieser Gedanke setzte sich in ihrem Kopf fest, bis sie auf der Autobahn ein Schild sah. „Evangelisation in der Turnhalle Sechshelden.“ Sie fuhr ab. „Ich kann nicht erklären wieso“, erinnert sie sich. Als sie dort ankam, berichtete Prediger Wilhelm Pahls von einem Mann, der durch Gott von seiner Sucht losgekommen sei. Renate Kölsch weinte.

Bei einem Gespräch und nach einem Gebet mit dem Redner ist ihr klar, dass Gott etwas anderes für sie geplant habe: „Er wollte nicht meinen Tod, sondern mein Leben.“ Seit 33 Jahren ist sie trocken. Dank der Blaukreuzler und ihrem Glauben, wie sie sagt: „Ich spüre jeden Tag, wie Gott mich festhält und durchträgt. Er hat mein Leben entscheidend verändert.“ Sie redet heute offen über ihre Vergangenheit. Wenn sie dazu stehe, dann sei das wie eine Art Schutz. „Ich habe in meinen Bewerbungsgesprächen immer zugegeben, dass ich ein Suchtproblem hatte“, sagt sie. Die Leute würden offen reagieren. Obwohl sie jetzt so lange trocken ist, will Renate Kölsch weiterhin regelmäßig zum Treffen des Blauen Kreuzes, nicht nur, weil sie Vorsitzende ist und die Sitzungen leitet, sondern weil sie selbst diese Vergangenheit hat. „Das ist eine Krankheit“, sagt sie, „Eine Krankheit, mit der man sein Leben lang leben muss, aber die man selbst in der Hand hat.“

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