Mit dem Eiswagen zu den Kollegen

Im Deuzer Industriegebiet Weiherdamm, vor den Toren der AWO-Werkstatt, suchen die Streikenden der kommunalen Erziehungs- und Sozialdienste den Austausch mit den Kollegen des freien Trägers.
Im Deuzer Industriegebiet Weiherdamm, vor den Toren der AWO-Werkstatt, suchen die Streikenden der kommunalen Erziehungs- und Sozialdienste den Austausch mit den Kollegen des freien Trägers.
Foto: WP

Deuz..  Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AWO-Werkstatt bekommen in ihrer Mittagspause Besuch: Am achten Streiktag sind rund 95 Sozialarbeiter und Erzieherinnen, die bei den Städten Kreuztal und Siegen und beim Kreis Siegen-Wittgenstein beschäftigt sind, nach Deuz gezogen. „Wenn die kommunalen Sozial- und Erziehungsdienste ihr Ziel erreichen, wird die AWO nachziehen müssen“, sagt Michael Poser, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der AWO-Werkstatt, „wir wollen nicht die Billigheimer sein.“

Die Anliegen sind vergleichbar. „Wir kämpfen um einen vernünftigen Betreuungsschlüssel“, sagt Poser den Kollegen der kommunalen Einrichtungen, „die Finanzierung wird von Jahr zu Jahr schwieriger.“ Der „Knackpunkt“, sagt Mechthild Boller-Winkel, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi, ist für freie Träger wie die AWO die Erstattung ihrer Kosten durch das Land. Wenn die Entgelte im öffentlichen Dienst steigen, können die freien Träger dem nur folgen, wenn das Land ihnen mehr Geld überweist. In Bayern sei das zugesagt worden, „in Nordrhein-Westfalen warten wir noch auf ein solches Signal.“ Im Grunde gelte für die Erzieherinnen bei kirchlichen und AWO-Kitas dasselbe wie für die, die bei den Kommunen angestellt sind: „Sie werden, verglichen mit Facharbeitern, schlechter bezahlt“, stellt Mechthild Boller-Winkel fest. Ein Frauenberuf eben.

AWO „völlig neutral“

Dass der Streik in Kitas und Jugendeinrichtungen auch nach Pfingsten weitergeht, ist so gut wie sicher — erst am nächsten Donnerstag kommen die kommunalen Arbeitgeber wieder zusammen. Den betroffenen Eltern legt die Gewerkschaft nahe, wenigstens die gezahlten Beiträge zurückzufordern. Adressat dafür ist der Kreis Siegen-Wittgenstein als Träger der Jugendhilfe – der allerdings bisher nicht vorhat, solchen Wünschen nachzukommen. Auch Kreuztals Stadtkämmerer Michael Kaß ist nicht der Auffassung, dass die Stadt am Streik verdient: Einerseits spart die Stadt zwar die Personalkosten für die rund 50 Erzieherinnen, die im Ausstand sind. Andererseits müsse die Stadt Kreuztal auch die künftig höheren Tarife finanzieren. „Was unterm Strich dabei herauskommt, wissen wir erst, wenn ein Verhandlungsergebnis vorliegt.“

So lange werden die gewerkschaftlich Organisierten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst sich weiterhin Tag für Tag in der Kreuztaler Jugendbegegnungsstätte treffen, die ihnen Bürgermeister Walter Kiß als Streiklokal zur Verfügung gestellt hat. Die Kreuztaler Erzieherinnen, die auch am Donnerstag wieder auf dem Wochenmarkt in der Stadtmitte auf ihre Lage aufmerksam machen, stellen die größte Gruppe in der Versammlung der Streikenden — was daran liegt, dass Kreuztal zwölf kommunale Kitas hat, während die meisten anderen Kommunen im Kreisgebiet ihre Kindergärten von freien Trägern betreiben lassen. In Siegen gibt es nur eine städtische Kita, die ebenfalls bestreikt wird.

Ihren Gästen müssen die AWO-Mitarbeiter an diesem Donnerstagmittag ein ganzes Stück entgegengehen. Mechthild Boller-Winkel hatte angefragt, ob die Streikenden ihren Grill mit den Würstchen vor der Werkstatttür aufstellen dürfen. Sie dürfen nicht, ließ AWO-Kreisgeschäftsführer Dr. Andreas Neumann die Gewerkschaftssekretärin wissen. Die AWO sei von der Tarifauseinandersetzung nicht betroffen. „Wir werden uns völlig neutral verhalten und keine Solidaritätsbekundungen abgeben.“ Die Würstchen gibt es dann auch nicht. Ver.di lässt den Eiswagen vorfahren.

Am Streik beteiligen sich neben den Erzieherinnen der kommunalen Kitas Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozial- und Jugendämter, des Regionalen Sozialdienstes und des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Kreises Siegen-Wittgenstein und des Allgemeinen Sozialdienstes der Stadt Siegen.