Mindestlohn soll Konsum ankurbeln

Mit 7,75 Euro pro Stunde ist es seit 1. Januar nicht mehr getan: Der Mindestlohn beträgt 8,50 Euro.
Mit 7,75 Euro pro Stunde ist es seit 1. Januar nicht mehr getan: Der Mindestlohn beträgt 8,50 Euro.
Foto: NGG
Was wir bereits wissen
Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten prognostiziert im Kreis Siegen-Wittgenstein 57,8 Millionen Euro mehr Kaufkraft dank Mindestlohn. Doch es gibt Variablen in der Rechnung.

Siegen-Wittgenstein..  Die Einführung des Mindestlohns zum 1. Januar wird im Kreis Siegen-Wittgenstein ein Kaufkraft-Plus von rund 57,8 Millionen Euro jährlich bewirken. Davon geht zumindest die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter Berufung auf eine Untersuchung des Pestel-Instituts in Hannover aus. Nicht alle Akteure in der Region teilen den Optimismus jedoch.

Wie entwickelt sich Lage im besten Fall?

Laut NGG werden mehr als 31 300 Menschen im Kreis Siegen-Wittgenstein von der Neuerung profitieren. „Im Schnitt wird jeder, der bislang einen Niedriglohn von unter 8,50 Euro bekommen hat, im kommenden Jahr rund 1840 Euro mehr Geld zur Verfügung haben – allein durch den Mindestlohn“, sagt Helge Adolphs, Geschäftsführer der NGG Südwestfalen. Der Gewerkschafter geht davon aus, dass der zusätzliche Verdienst nahezu vollständig in den Konsum fließen wird. „Die wenigsten werden ihr Lohn-Plus auf die hohe Kante legen“, vermutet Adolphs „Die meisten werden sich davon endlich einmal etwas gönnen – Sachen, die sie sich als Niedriglöhner vorher nicht oder nur schwer erlauben konnten: neue Kleidung, Kosmetik, Kino … und auch einmal ein Essen in der Gaststätte.“ Die Einführung des Mindestlohns bedeute für die Menschen einen „enormen Gewinn an Lebensqualität“. Große Teile dieser zusätzlichen Kaufkraft dürften dabei in der heimischen Region bleiben.

Warum regt sich Skepsis?

Die Berechnung, auf die sich die NGG stützt, geht von zwei Prämissen aus: Einerseits behalten alle Menschen, deren Einkommen zuvor unter dem Mindestlohn lagen, ihre Jobs – und andererseits bleiben ihre Arbeitszeiten unverändert. „Die Eins-zu-Eins-Rechnung erscheint uns ein wenig zu einfach. Es sind zu viele Variablen im Spiel“, sagt Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen. In einigen Teilbereichen gebe es noch offen rechtliche Fragen, außerdem sei noch nicht abzusehen, „ob es Beschäftigungszuwächse oder -rückgänge gibt und wie sich die Kaufkraft entwickelt“. Diese Skepsis sei zwar ebenfalls mit Vorsicht vorzubringen, wie Gräbener betont: „Aber wir empfehlen, in aller Ruhe abzuwarten, wie sich die Einführung des Mindestlohns auswirkt.“ Ein halbes Jahr sei das Minimum, um darüber Aussagen treffen zu können.

Welche Faktoren haben Einfluss?

Entscheidende Größe wird sein, inwieweit Arbeitgeber den Personaleinsatz bei gestiegenen Kosten verändern – irgendwo müssten die 57,8 Millionen Euro an zusätzlichen Löhnen schließlich herkommen. Die Gewerkschaften stellen sich nun auch darauf ein, dass es Versuche geben wird, den Mindestlohn irgendwie zu umgehen. „Es wird schwarze Schafe geben – ganz sicher: Chefs, die keine 8,50 Euro pro Stunde bezahlen“, sagt Helge Adolphs. Auch Tricks halten die Arbeitnehmervertreter für denkbar – etwa wenn „Unternehmer die Arbeitszeit so knapp bemessen, dass Überstunden anfallen, die dann zum Null-Tarif geleistet werden müssen“. Diese Arbeitgeber machten sich allerdings strafbar. „Der Verstoß gegen den gesetzlichen Mindestlohn ist kein Kavaliersdelikt“, unterstreicht der NGG-Geschäftsführer. Die Gewerkschaft fordert deshalb „Mindestlohn-Sonderkontrollen“ im Kreis Siegen-Wittgenstein durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls.

Was können Arbeitnehmer bei Verstößen tun?

Für Menschen mit niedrigem Einkommen bietet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) einen „Online-Lotsen“ mit Informationen rund um den Mindestlohn an (www.mindestlohn.de). Das Bundesarbeitsministerium hat überdies eine „Mindestlohn-Hotline“ eingerichtet, die unter 030/60 28 00 28 montags bis donnerstags von 8 Uhr bis 20 Uhr zu erreichen ist.

Die NGG Südwestfalen weist ferner darauf hin, dass ein Minijobber ab Januar nur noch rund 52 Stunden pro Monat – und damit 13 Stunden pro Woche – arbeiten muss, wenn er einen Stundenlohn von 8,50 Euro bekommt.

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