Menschen und ihre Hintergründe

Notburga Jenny-Niederprüm stellt im Kulturbahnhof aus.
Notburga Jenny-Niederprüm stellt im Kulturbahnhof aus.
Foto: WP

Kreuztal..  Die Ausstellung ist noch nicht eröffnet, da bleiben die Passanten schon stehen. „Wartemal!“ — als ob die Aufforderung im Titel schon magische Kräfte entfaltet: Die Wanderer mit ihrer Pommes-Tüte vor der idyllischen Bergwelt, junge Frauen mit freiem Bauchnabel und engen Jeans, Männer mit Rucksäcken und Plastiktüten vor den Trümmern, die der Tsunami zurückgelassen hat — Notburga Jenny-Niederprüm bringt Menschen mit Hintergründen in Beziehung. Und zwar so gestört, dass sie zwar nicht gleich verstören, aber zu mindest nicht sofort bloß gefallen, sondern zum Mitphantasieren anregen. „Wartemal“ eben.

Inspirierendes „Wartemal“

„Diese Verknüpfung, diese Reibung ist das eigentlich Spannende“, sagt Prof. Jürgen Königs über die Arbeiten der Essener Künstlerin, die er für den 25. „Szenenwechsel“ im Kulturbahnhof ausgewählt hat. Die beiden kennen sich bereits vier Jahrzehnte lang, seit gemeinsamen Studienzeiten. „Die Menschen sind immer mein Thema gewesen“, sagt Notburga Jenny-Niederprüm. Dass es oft auch junge Menschen sind, die mit der unvermeidlichen Wasserflasche oder dem Kaffeebecher („To Go...“) durch die Szenerie schlendern, liegt in der Natur der Sache: Die Malerin arbeitet als Kunsterzieherin an einer Gesamtschule.

Womit geklärt ist, dass ein Titel wie „Lehrerausflug/Straußenfarm“ möglicherweise irritiert, aber doch nichts anderes tut, als so knapp wie möglich Wirklichkeit zu dokumentieren. Notburga Jenny-Niederprüm war eben dabei bei diesem Ausflug mit ihren Kollegen zu der Straußenfarm. Wo sich niemand für die Vögel interessiert. Und jeder Blick abgewandt ist, zu Ball und Schläger. Man spielt Swingolf, „Schweinegolf“, formuliert die Beobachterin etwas rustikaler. Menschen auf der Leinwand, die Vögel auf einer Folie davor, und je nach Blickwinkel und Lichteinfall zwischen beiden Ebenen in einem immer ganz anderen Zusammenspiel.

Mal ist es der Bildhalter, mal ein Kasten, der die Flächen auf Abstand zueinander hält. Folie, Leinwand, Papier oder Gips dienen als Träger der Acrylfarbe. Die Bewegung des Farbauftrags ist nachvollziehbar, manchmal ist die Farbe sogar nur noch ein Kürzel für den Gegenstand, von dem sie sich gerade löst. Die Leute näher sich einem Dripping-Bild von Jackson Pollock, mit dem Rücken zu den Betrachtern. Sie scheinen eine Treppe hinaufzusteigen. „Fast zu spät“ hat Notburga Jenny-Niederprüm dieses wiederum bewegte Bild genannt. Andere Bilder heißen „Bo(a)rderline“ (das mit den Menschen vor dem Ozeanriesen), „Alltours“ (das mit dem Tsunami), „Bahnsteig“ oder „Haltestellen“. Notburga Jenny-Niederprüm ist nicht die Erste, die den 2008 eröffneten Ausstellungsort zum Thema macht — einen beliebten überdies, wie Kulturamtsleiter Holger Glasmachers feststellt: Bis Frühjahr 2017 stehen schon alle Szenenwechsel fest.