„Meine Eltern sagten: Du kannst das!”
14.05.2008 | 22:03 Uhr 2008-05-14T22:03:00+0200
Trotz seiner Behinderung durch das Schlafmittel Contergan hat Dr. Burkhard Wiegel Karriere als Naturwissenschaftler gemacht.
Siegen. (bw) Dr. Burkhard Wiegel ist als „Contergankind” auf die Welt gekommen. Seine Mutter hatte ahnungslos das damals als harmlos klassifizierte Schlafmittel genommen. Trotz seiner Behinderungen ist der Physiker ein selbstbewusster Mensch, der auch beruflich Erfolg hat: „Das verdanke ich meinen Eltern. Sie haben immer gesagt: Du kannst das!”
Sein Abitur baute Burkhard Wiegel am Löhrtor-Gymnasium. „Im Abi war ich in Naturwissenschaften eher mittelmäßig”, sagt er im Rückblick. Dennoch studierte er an der Uni Siegen Physik: „1986 hatte ich mein Diplom in der Tasche.” Burkhard Wiegel wollte danach „mal raus”. Sein späterer Doktorvater, Prof. Dr. Wolfgang Heinrich, organisierte für ihn einen Job an der Universität von San Francisco. Vom Schicksal der Contergan-Opfer wusste man dort nichts. Burkhard Wiegel fühlte sich akzeptiert: „Dort fällt man nicht auf.” Wissenschaftlich habe ihn die Zeit in Kalifornien nicht gerade weitergebracht – aber er hat sie genossen. Und er hat perfekt Englisch gelernt: „Das kann ich heute gut gebrauchen, wenn ich Vorträge halte.” Außerdem ist Englisch seine Arbeitsplatz-Sprache. Der ehemalige Siegener, der 1992 bei Prof. Heinrich promoviert hat, ist seit 1993 bei der renommierten Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig angestellt. „Wir entwickeln und kalibrieren Messinstrumente”, erklärt er. Sein Aufgabengebiet ist die Messung von Neutronenstrahlung. Meistens arbeitet er am Computer: „Wir gehen aber auch raus und messen – zum Beispiel in Kernkraftwerken. Ich habe schon unter dem Reaktor Krümmel gelegen.” Dr. Wiegel und seine Kollegen werden auch zu Unternehmen gerufen, um die Strahlenbelastung an den Arbeitsplätzen zu testen. Neben seinem Job findet Dr. Wiegel noch Zeit, um sich um Menschen mit dem gleichen Schicksal zu kümmern. Er ist Vorsitzender des Interessenverbandes Contergangeschädigter, Bezirk Siegerland. Seit April ist er auch Mitglied im Beirat des Bundesverbandes. Er weiß sehr genau, dass andere Betroffene gar nicht in der Lage sind, wie er in die Öffentlichkeit zu gehen: „Viele sind ans Haus gebunden und leben von Hartz IV.” Die Situation der Conterganopfer hat sich dramatisch verschlechtert. „Wir haben uns unsere Selbstständigkeit durch Fehlbelastung der Gelenke erkauft”, stellt Dr. Wiegel sachlich fest. Dahinter verbergen sich Schmerzen und Verzweiflung. „Viele sind überrascht, dass sie jetzt so abbauen”, sagt der Physiker, der selbst schon mehrere Gelenkoperationen hinter sich hat. Die Betroffenen brauchen jetzt mehr Pflege – und dafür reiche oft die Rente (Höchstsatz ab 1. Juli: 1090 Euro) nicht aus. Deshalb freut sich Dr. Wiegel, dass durch den Fernsehfilm „Contergan – eine einzige Tablette” auf das Schicksal der Opfer aufmerksam gemacht wurde. Und dass die Herstellerfirma Grünenthal kürzlich noch einmal 50 Millionen Euro für sie locker gemacht hat.
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