„Man braucht das Vertrauen der Menschen“

Nese Bicakci (rechts) ist die stellvertretende Vorsitzende des Regionalverbands Essen in der DiTiB - als einzige Frau.
Nese Bicakci (rechts) ist die stellvertretende Vorsitzende des Regionalverbands Essen in der DiTiB - als einzige Frau.
Foto: Hendrik Schulz
Was wir bereits wissen
Allein unter Männern: Nese Bicakci wurde als einzige Frau zur stellvertretenden Vorsitzenden des Regionalverbands Essen der DiTiB gewählt. Die junge Frau hat eine klare Vision.

Zeppenfeld..  Mitten im Gespräch kommt eine Vertreterin der Frauengruppe. Nese Bicakci reist ein paar Wochen nach Mekka und die Frau bringt zum Abschied einen Blumenstrauß vorbei. Bicakci ist die Vorsitzende des Moscheevereins Neunkirchen-Zeppenfeld. Ganz offensichtlich ist sie beliebt bei ihren Leuten. Immerhin hat der Verein sie vor drei Jahren aus dem Stand mit fast 100 Prozent der Stimmen zur Vorsitzenden gewählt.

Bicakci ist eine pfiffige Person. Jung, gut aussehend, eloquent. Vor wenigen Wochen erst wurde sie als einzige Frau zur stellvertretenden Vorsitzenden des Regionalverbands Essen der DiTiB gewählt, der Dachorganisation des Moscheevereins. 98 von 117 Stimmen. Auf Anhieb, bestes Ergebnis aller Kandidaten. „Ich hätte auch Vorsitzende werden können“, sagt sie spitzbübisch, aber ihr eigener Moscheeverein war ihr erst einmal wichtiger. Und was nicht ist, kann ja noch werden. Jetzt sitzt sie allein unter 120 Männern.

Sie ist im Umkreis der Moschee aufgewachsen, besuchte die Koranschule, die Jugendabteilung; sie kennt die Mitglieder seit ihrer Kindheit, und die kennen sie. Seit gut zwei Jahren ist sie die Vorsitzende in Neunkirchen-Zeppenfeld. Als sie zu alt für die Jugendabteilung war, fragte man sie, ob sie nicht kandidieren wolle. Wollte sie. „Aber mit so vielen Stimmen hätte ich nicht gerechnet.“

Als Referentin unterwegs

Unter ihrer Leitung zog der Verein die Moschee hoch; jetzt, als Vorstandsmitglied, gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrung weiter. Gerade war sie in Bochum, gibt Tipps, rät bei Problemen. Sie kennt sich ja noch aus mit dem aufwändigen Papierkram bei einem solchen Bau.

„Man braucht das Vertrauen der Menschen“, sagt Bicakci und stützt die Ellbogen auf die Knie. Nebenan ist die Wohnung prallvoll, die Familie ist zur Abschiedsfete vor der Reise da. Bicakcis Schwester Eda serviert heißen Tee und süßes Gebäck. Ob sie Probleme habe, weil sie jung und weiblich sei? Bicakci runzelt die Stirn. „Die Leute haben erkannt, dass Frauen wichtig sind, egal wo“, sagt sie. Wenn sich jemand daran stoßen sollte, dass sie ist, wie sie ist, würde es sie vermutlich nicht im Geringsten interessieren. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein, auf eine angenehme Art. Sagt sie auch so. „Ich stehe vor 500 Leuten und soll denen was erklären, da braucht man Disziplin und Selbstbewusstsein.“

Als Talk-Gast gefragt

Freizeit hat sie kaum. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin für Mathe und Sozialwissenschaften an einer Sekundarschule ist sie immer unterwegs, nimmt an Sitzungen teil, leistet Öffentlichkeitsarbeit, organisiert Veranstaltungen, hält Reden. Vorstandsarbeit. Die CDU lud sie zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Kopftuch ein, der WDR wollte mit ihr über die Arbeit in der Burbacher Flüchtlingsunterkunft reden. „Ich muss qualifiziert sein, was Sprache, Bürokratie, PC betrifft“, sagt Bicakci. Das klingt nicht arrogant und sie meint das auch nicht so. Sie ist halt qualifiziert. Das haben auch die Leute ihres Vereins gemerkt: Die Nese – Neesche ausgesprochen –, die kann was, die tut dem Verein gut.

Deswegen ist sie jetzt so etwas wie das Aushängeschild eines modernen Islam. Das hat sie sich nicht ausgesucht, aber irgendjemand muss es ja machen. Typische Vereinsloyalität. „Ich will nicht berühmt werden, ich möchte nur meinen Leuten etwas Gutes tun, aufklären“, sagt sie. „Wenn ich ein gutes Beispiel sein kann, dann stelle ich mich eben da vorne hin.“ Beruflich würde sie den Vorstandsjob nicht machen. Weil sie darin aufgeht, weil sie an das glaubt, was sie tut, weil sie es gern tut. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen.

„Frauen sind eher zurückhaltend, was Führungspositionen betrifft“, sagt sie. Aber das Geschlecht ist eigentlich völlig egal, findet sie, wichtig ist die Persönlichkeit. Da ist es auch egal, ob einer Türke ist oder Albaner oder Deutscher. „Der Mensch ist wichtig“, jeder ist anders, hat Stärken und Schwächen. Sie sieht ihre Rolle darin, Stärken bei jedem zu fördern.

Sieht sie sich als Feministin? „Frauen und Männer können nicht gleich sein, aber es gibt keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.“ Biologische Unterschiede sind nicht wegzudiskutieren, jeder hat eben andere Eigenschaften. Gute Eigenschaften. Frauen vielleicht andere als Männer. Aber: „Jedes Geschlecht ist doch in sich heterogen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin.

Vorurteilen den Boden entziehen

Vorurteile findet sie – zumindest teilweise – witzig. „Man sieht jemanden einmal und bildet sich direkt ein Urteil: was für ein Quatsch. Kontakt mit Menschen, miteinander reden, dann wäre das Miteinander der Gesellschaft besser, verständnisvoller, rücksichtsvoller. „Man müsste mehr miteinander sprechen“, findet sie. „Wir wissen zu wenig voneinander: Warum werden Plätzchen zu Weihnachten gebacken, warum feiern Muslime Opferfest?“ Einfach nur mal miteinander reden, sich kennenlernen. Dann verschwinden Vorurteile von selbst.

Wenn sie träumen dürfte, Geld spielt keine Rolle? Jugendarbeit, so früh wie möglich. Räumlichkeiten schaffen, Bücher kaufen, Medienerziehung, Aufklärung zu Sucht und Gewalt, sozialem Miteinander. Externe Experten, Professoren von der Uni einladen, gemeinsam Handwerken, Fußball spielen, Veranstaltungen, Ausflüge. Eine Art Weltcafé, in dem man mit Wildfremden sprechen kann. Und nachher ist man sich nicht mehr fremd.

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