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Zeitgeschichte

Lothar von Seltmann schreibt neue Romanbiografie

26.10.2011 | 16:41 Uhr
Lothar von Seltmann schreibt neue Romanbiografie
Lothar von Seltmann hat ein Buch über Eva von Tiele-Winkler geschrieben.Foto: Steffen Schwab

Hilchenbach-Müsen.In der Mark Brandenburg, bei den Friedenshort-Schwestern in Heiligengrabe, hat Lothar von Seltmann das Tagebuch mit dem entscheidenden Eintrag vom 23. Februar 1887 entdeckt: „Erster Gang ins Dorf“, hat die 21-jährige Eva von Tiele-Winckler ihren Bericht über ihren Besuch bei den Armen und Kranken von Miechowitz überschrieben.

Der 68-jährige Müsener, bis zu seiner frühen Pensionierung nach einem Unfall Rektor der Dahlbrucher Hauptschule, hat wieder eine Romanbiografie vorgelegt – erzähltes Leben von bewegenden Menschen. Das hat er seit 1999 bereits mehr als 20 Mal getan, begonnen bei Milusha, der Überlebenden von Zwangsarbeit und Deportation, die er einst selbst während seines Aufenthalts in der Reha-Klinik kennen gelernt hat.

Dass die männlichen „Helden“ deutlich in der Minderzahl sind, hat seinen Grund. „Meine überwiegende Leserschaft sind Frauen“, weiß Lothar von Seltmann — „auch wenn ich schon den einen oder anderen Mann zum Lesen gebracht habe“. Von Seltmann, der selbst unter anderem in der Südosteuropamission engagiert ist, liest gern und häufig bei Veranstaltungen und Freizeiten freikirchlicher Träger. Und hat, in eigener Sache, die Grundzüge des Verlagsgeschäfts längst gelernt.

Das „Eva-Heim“ steht noch in Miechowitz

„Longseller nennt man das wohl“, kommentiert von Seltmann lächelnd den Erfolg der „Milusha“, die gerade wieder neu aufgelegt wird. Längst bittet der Verlag seinen erfahrenen Autor auch um prominente Lebensbilder – auch über Menschen, mit denen er nicht mehr sprechen kann. Sein Buch über Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes, erschien im vorigen Jahr. Nun also Eva von Tiele-Winckler.

In mehreren Wochen Klausur in Heiligengrabe erforschte von Seltmann das Leben der Frau aus einer steinreichen oberschlesischen Familie, die Pastor Friedrich von Bodelschwingh zur Diakonisse und Oberin seines Betheler Ordens machte – und die zu Hause in Schlesien selbst eine Schwesternschaft begründete. Mit dem „Eva-Heim“, das der Vater seiner innig darum bittenden Tochter bauen ließ, wurde der Grundstein für ein in der ganzen Welt verbreitetes Sozialwerk gelegt.

Krankenhaus und Kinderheim zugleich

„Das Haus steht heute noch“, erzählt Lothar von Seltmann von einer Reise mit der Südosteuropamission. Sie führte ihn auch in die Mutter-Eva-Straße in dem heute polnischen Städtchen, das früher Miechowitz hieß. Der Gedanke, dass er eines Tages über Mutter Eva, dass er überhaupt Bücher schreiben würde, lag damals noch fern. „Hätte ich das geahnt, hätte ich genauer hingeschaut.“

Das Kinderfrühstück für die kleinen Dorfbewohner, das Eva mit dem eigenen Taschengeld bestritt, war nur ein Anfang. Das „Eva-Heim“ war Krankenhaus und Kinderheim zugleich, Küche und Nähstube und Anlaufstelle für die vielen Armen und Kranken der umliegenden Ortschaften im oberschlesischen Kohlenrevier.

Friedenshort hieß erstes Haus der Diakonisse

Das „Eva-Heim“ hieß niemals so. „Friedenshort“ nannte die Diakonisse ihr erstes Haus. Viel später entstand dann auch der Name für die „Kinderheimaten“, in denen verwaiste Kinder ein neues, familienähnliches Zuhause fanden – so, wie heute in den Wohngruppen der modernen Jugendhilfe: 1910 dichtete Eva von Tiele-Winckler über ihre Idee einer „Heimat für Heimatlose“. Und so sollte das Werk dann auch heißen.

Lothar von Seltmanns Buch endet mit dem 21. Juni 1930, an dem Mutter Eva in Miechowitz für immer die Augen schließt. Dass sich der Friedenshort auf der Flucht aus Schlesien teilt und die Mutterhäuser in Freudenberg (West) und Heiligengrabe (Ost) erst nach der deutschen Vereinigung 1989 wieder zusammenfinden, erwähnt der Autor nicht: Nicht das Jugendwerk mit Sitz in Freudenberg, sondern die fromme Frau aus Oberschlesien sollte sein Thema sein.

Fortsetzung in Gegenwart hinein ist denkbar

Was nicht ausschließt, dass es eine Fortsetzung in die Gegenwart hinein geben könnte. „Ich bin einigen Leuten begegnet, die in den Kinderheimaten groß geworden sind“, erzählt Lothar von Seltmann. Darunter auch eine Frau, die in Schlesien aufwuchs und mit 14 , dann schon in Heligengrabe, die Obhut der Schwestern verließ. „Diese Geschichte würde ich gern schreiben.“

Steffen Schwab

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