Lily Schneider - Heimat kann man nicht vergessen

Lily Schneider: „Meine Tochter sagt ständig, wenn man mich nicht findet, dann bin ich im Garten. Das ist meine große Leidenschaft.“
Lily Schneider: „Meine Tochter sagt ständig, wenn man mich nicht findet, dann bin ich im Garten. Das ist meine große Leidenschaft.“
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Lily Schneider verließ mit nur 22 Jahren ihre frühere Heimat Bethlehem. Heute schafft sie den Spagat zwischen alten und neuen Bräuchen.

Siegen.. Manchmal träumt Lily Schneider von Bethlehem. Von ihrer Familie dort, ihren Eltern und ihrer Schwester. Und manchmal, da träumt sie von ihrer Familie hier, ihren Kindern, ihren Freunden. „Dann mische ich das, als wären die Leute aus Bethlehem hier oder als würde meine Familie in Bethlehem leben“, erklärt sie. Im gleichen Atemzug sagt sie, dass ihre Heimat jetzt im Siegerland sei. Doch irgendwo in ihr, da ist ihr tief verwurzeltes Heimatgefühl zu Bethlehem, der Stadt, in der sie geboren wurde, in der sie aufwuchs.

In Bayt Jala in die Schule gegangen

Bayt Jala ist eine Stadt nahe Bethlehem. Mit fünf Jahren begann Lily Schneider in eine deutsche Schule zu gehen. „Das war eine Mädchenschule, die von den Kaiserswerther Diakonissen bei Düsseldorf geleitet wurde“, erklärt sie. Dort wurde an manchen Tagen nur deutsch gesprochen.

Mithilfe einer deutschen Frau konnte sie sich ihren Traum erfüllen. 1968, ein Jahr nach dem Krieg mit Israel, über den sie nicht genauer spricht, geht Lily Schneider nach Deutschland. Damals war sie 22. Ihre erste Station war Wissen, dort arbeitete sie eine Zeit lang als Krankenschwester. Lily Schneider war allein in einem Land, in dem alles anders war. Eine junge Frau, die erst durch die Beziehung zu ihrem Mann eine Beziehung zu ihrer Heimat fand.

Hier in Deutschland, da sei alles schneller, sagt sie. „Schnell gegessen, schneller auf der Arbeit sein.“ In Bethlehem sei alles entspannter. „Die Zeit rennt nicht so wie hier.“ Die deutsche Pünktlichkeit war ihr lange Zeit fremd. In Bethlehem würde man entweder heute kommen, oder morgen, oder nächstes Jahr. „Wenn man jemanden besucht, dann braucht man nicht anzurufen. Dann steht man morgens um sechs Uhr auf und da kann jemand vor der Tür stehen. Egal ob man noch im Schlafanzug ist“, erzählt sie.

Sie lacht. Ihrem Gesicht sieht man an, dass sie das gerne und viel tut und dass sie ein fröhlicher Mensch ist. Diese Mentalität aus Bethlehem hat sie mitgebracht nach Deutschland. Jeder ihrer Nachbarn darf vorbei kommen, jeder wird zum Kaffee oder zum Essen eingeladen. Sie will das so. Sie mag es, von Menschen umgeben zu sein. Mag die Internationalität in der Gegend, mag neue Bekanntschaften. Die Nachbarschaft, die ist wie eine Familie zu ihr, sie spricht liebevoll von den Menschen, die sie täglich um sich hat, erzählt von Grillabenden im Garten und vielen Besuchern.

Vor drei Jahren zuletzt in Bethlehem

Schon früher ist sie zwei oder dreimal in ihre Heimat gefahren. „Ich hatte einen lieben Mann. Er hat gesagt, ich solle nicht auf das Geld schauen, sondern meine Eltern besuchen“, erzählt sie und ein Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht. Irgendwann starben ihre Eltern und die Fahrten in ihre Heimat wurden immer weniger. Vor drei Jahren war sie das letzte Mal dort, besuchte ihre Schwester. Auch ihre Kinder waren schon mit ihr da, sollten ihre Wurzeln kennenlernen. „Meine Enkel fangen jetzt auch an, wollen wissen, wo die Oma herkommt“, sagt sie und ein bisschen Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. Sie verbirgt ihre Herkunft nicht, trägt sie offen mit sich und redet voller Freude über Traditionen und Bräuche.

Sie unterstützt die Händler in Bethlehem, kauft selbstgeschnitzte Figuren aus Olivenbaumholz und verkauft diese auf Weihnachtsmärkten weiter. Sie hat ein ganzes Zimmer voll mit diesen Figuren. Das Holz fühlt sich weich an unter den Fingern. „Heimat kann man nicht vergessen“, sagt sie. Sie spricht noch immer arabisch, wenn ihr Bruder zu Besuch kommt oder sie Landsleute trifft. Das sie das noch kann, ist ihr wichtig.

Sie spricht über die Probleme zwischen Israel und Palästina. Davon, dass die Leute in ihrem Geburtsland keinen Staat haben und Frieden schon lange nicht mehr kennen. „Wir hatten immer Sehnsucht nach einem Staat“, sagt Lily Schneider. Sie und ihre Geschwister schmiedeten damals Pläne, wie man den Frieden wiederherstellen könnte. „Leider kommt nicht alles so, wie Kinder es sich erträumen“, seufzt sie. Sie ist ein friedlicher Mensch, kann Streit zwischen Nachbarn nicht ertragen. Sie bete für Frieden und Liebe untereinander, sagt sie. Will ihren Kindern diese Werte ebenfalls vermitteln. „Ich werde nicht zurückgehen, mein Wunsch ist aber für die heranwachsenden Generationen, dass sie den Frieden erleben, den ich hier erleben darf.“

Folgen Sie uns auch auf Facebook.