Letzter Schultag mitten im Frühling

Schulamtsdirektorin Ingrid Walder
Schulamtsdirektorin Ingrid Walder
Foto: WP

Siegen-Wittgenstein..  Die Einladung in die Jury für die Projekte des Landesprogramms Kultur und Schule geht an die „ehemalige Schulamtsdirektorin“. So weit ist es noch nicht ganz. Bis zum Monatsende ist Ingrid Walder noch als Schulaufsichtsbeamtin im Dienst. Eine von drei, die von ihren Büros im Kreishaus aus über 700 Lehrerinnen und Lehrer und rund 9000 Kindern an den Siegen-Wittgensteiner Grundschulen wachen. „Es waren mal 11 500, als ich hier angefangen habe.“ Alles ändert sich.

Ein Gespräch... über die Laufbahn einer Lehrerin

Ende März 2008 ist Ingrid Walder, bis dahin fast zehn Jahre Rektorin an der Grundschule Müsen, in die Schulaufsicht gewechselt — letzte Station einer Laufbahn, die mit einer Kindheit in Franken, der Gymnasialzeit an einem Mädchengymnasium in Worms („Da wurde meine Liebe zur Mathematik geweckt“), dem Abi und dem Mathe-, Sport- und Geografie-Studium in Bonn begann.

Von dort suchte die umzugserprobte Tochter eines Berufssoldaten einen Ort, der ein Studienseminar (für die Lehramtsanwärterin) und eine Hochschule (für den angehenden Ingenieur und späteren Ehemann Achim Walder) bot. Siegen wurde es. „Wir hatten gedacht, so ganz furchtbar lange bleiben wir hier nicht.“ Ein Irrtum. Nach dem Referendariat an der Eiserfelder Gilbergschule ging es 1976 an die Hauptschule in Ferndorf und nach deren Schließung von 1989 bis 1998 an die katholische St.-Martin-Schule in Kreuztal.

... über kleine und große Kinder

„Ich wollte immer an die Grundschule.“ Nur: Da kam die junge Lehrerin, die ihr Studium in einer Zeit des Lehrermangels begonnen hatte, zur falschen Zeit. Ganz schnell herrschte wieder ein Überangebot, „es gab keine Stellen“. Der Pillenknick macht sich bemerkbar, nicht zum letzten Mal. Die schwachen Geburtsjahrgänge wachsen in die weiterführenden Schulen nach. In Kreuztal geht Ferndorf als erste von vier Hauptschulen in die Knie, noch vor der Eröffnung der Gesamtschule 1992.

Ingrid Walder hat die Zeit mit den „Großen“ gemocht — und sie ins Computer-Zeitalter begleitet. „Wir waren stolz, dass wir 128er Rechner hatten.“ Die 10-B-Absolventen fanden leicht Lehrstellen bei örtlichen Firmen, „damals hatte die Hauptschule auch aus Elternsicht einen anderen Stellenwert.“

... über einige andere Blickwinkel

Da gibts einige: Am Primarstufenseminar hat Ingrid Walder sechs Jahre lang, von 1992 bis 1998, Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet. Im Personalrat hat sie die Interessen der Kolleginnen und Kollegen vertreten, derzeit ist sie Gleichstellungsbeauftragte für die Grundschulen im Kreisgebiet. In der Kommunalpolitik hat sie den Job, den sie jetzt macht, von der anderen Seite erlebt: von 1989 an zunächst als sachkundige Bürgerin, von 1994 bis 2008 als Stadtverordnete, eine Wahlperiode als Vorsitzende des Schulausschusses. Da hat die Sozialdemokratin in Kreuztal die Schulorganisation mitgestaltet, bei der sie jetzt als Schulaufsichtsbeamtin von der anderen Seite des Schreibtisches mit berät. „Wir können beraten, die Nöte deutlich machen, die sich für Schulen ergeben“, sagt Ingrid Walder. Zuständig für Beschlüsse über die Zusammenlegung und Schließung von Schulen, sogar über die Verteilung der Parallelklassen auf die verschiedenen Schulen, sind aber die Kommunen. Gelegentlich unangenehme Aufgaben, „die die Gemeinden ungern wahrnehmen.“

... über das, was im Schulamt noch alles anfällt

Fachaufsicht: Das ist das andere Stichwort neben der Dienstaufsicht, das genannt bekommt, wer Schulaufsichtsbeamte nach ihren Aufgaben fragt. Mit dem Blick auf die Stundenplan-Fächer ist es dabei nicht getan. Auch die vielen Extras, von der „Schule der Zukunft“ über die Waldjugendspiele und die Philharmonie-Schulkonzerte bis zum „Arbeitskreis Zahngesundheit“ wollen koordiniert werden. An Angeboten, was Schulen noch alles machen könnten, mangelt es nicht, sagt Ingrid Walder nebenbei: „Manchmal muss man auch ein bisschen darauf hinweisen, dass Schulen sich nicht verzetteln.“

... über Seepferdchen und Nichtschwimmer

Vor allem aber ist Ingrid Walder Vorsitzende des Ausschusses für den Schulsport, in dem Vereine und Schulen zusammenkommen. „NRW kann schwimmen“, ist Behauptung und Programm: Immerhin 883 Kinder sind seit 2008 den Einladungen zu den Ferienschwimmkursen gefolgt, die meisten wurden zumindest bis zum „Seepferdchen“ gebracht. Ein Erfolg zwar, der aber größer sein könnte: Immerhin wurden 6952 Nichtschwimmer-Eltern vom Schulamt angeschrieben. Ob ein Kind schwimmen lernt oder nicht, hängt nicht zuletzt vom Wohnort ab. Kreuztal hat kein Hallenbad, Hilchenbach hat eins, Freudenberg hat keins mehr — und prompt wachsen dort die Nichtschwimmerzahlen. Insgesamt, bedauert Ingrid Walder, „verschlechtert sich die Quote eher“.

... über Schulen, die immer weiter weg sind

„Einige“ Schulschließungen habe sie in ihrem Bezirk begleiten müssen, der Siegen-Nord, Netphen und Wittgenstein umfasst, sagt Ingrid Walder: Setzen, Birkelbach, Girkhausen, Salchendorf. Ihre Nachfolger werden da weitermachen. „Es wird zu weiteren Zentralisierungen kommen müssen.“ Die Schulamtsdirektorin hält nichts von Zwergschulen, in denen mehrere Jahrgänge zu einer Klasse zusammengefasst werden. Denn dort fehlen dann auch die Fachlehrkräfte, für Englisch zum Beispiel. „Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen reichen nicht.“ Die Kritik an den länger werdenden Schulwegen ist bekannt. Anderseits, gibt Ingrid Walder zu bedenken, spielt dieses Argument auch keine Rolle, wenn christliche, Waldorf- oder andere Privatschulen angesteuert werden. Nein, die einklassige Dorfschule in ihrem Geburtsort, einem 200-Seelen-Dorf, gibt es auch nicht mehr, sagt die Wahl-Kreuztalerin auf Nachfrage. Dass sich dort auch sonst nicht mehr viel abspielt, versteht sich.

... über die Freiheit und das Großmuttersein

Ingrid Walder will, wie wohl alle jungen Großeltern, erst einmal richtig Oma ihrer beiden Enkelkinder sein. „Ich genieße die freie Zeit.“ Und die neue Freiheit, nach Wetterlage spontan reisen zu können. Denn Ingrid und Achim Walder geben auch Reiseführer heraus, im eigenen Verlag – „er fährt, ich fotografiere.“ Immer dort(hin), wo die Sonne scheint. Die Schule wird dabei schon deshalb nicht fehlen, weil sie in der Familie geblieben ist. Sohn Sebastian ist Lehrer an der Clara-Schumann-Gesamtschule, in deren ersten Jahrgang er als Kind 1992 eingeschult wurde.

Arbeiten ohne große Bühne

Sie ist Lehrerin — aber sie steht vor keiner Klasse mehr. Als Schulamtsdirektorin hat Ingrid Walder ihr Büro im Kreishaus. Sie ist vor allem Ansprechpartnerin für die Grundschulen in ihrem Bezirk, zu dem Netphen, Wittgenstein und die nördlichen Stadtteile von Siegen gehören.

Gesprächspartnerin ist Ingrid Walder für die Schulverwaltung in den Rathäusern und für die Schulausschüsse. Das läuft nicht immer konfliktfrei. Denn die Kommunen können Schulen nur in dem Umfang betreiben, wie das Schulamt ihnen die vom Land eingestellten Lehrkräfte zuweist.

Mit Eltern hat die Schulamtsdirektorin gelegentlich auch zu tun: zum Beispiel bei Konflikten um Zeugnisnoten oder Empfehlungen für weiterführende Schulen, oder wenn über eine sonderpädagogische Unterstützung für ein Kind nachgedacht wird.