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Lehrer, Erfinder und Bergmann

23.02.2011 | 18:18 Uhr
Lehrer, Erfinder und Bergmann

Kreuztal-Littfeld.Von seinen 75 Lebensjahren zwischen 1711 und 1786 verbrachte Johann Heinrich Jung immerhin 58 in Littfeld. Für das Bergmannsdorf war der vielseitige Autodidakt ein Glücksfall.

Dessen sind sich die Littfelder immer noch bewusst. Heute sind die örtliche Grundschule und eine Straße nach ihm benannt.

Der Pädagoge, Heimatforscher und derzeitige Präsident der Siegener Jung-Stilling-Gesellschaft Ortwin Brückel aus Kreuztal eröffnete am Dienstagabend im Bürgertreff Kapellenschule die – nach der viel beachteten „Geschichte der Juden im Amt Ferndorf“ – bereits zweite Ausstellung des Heimatvereins Littfeld-Burgholdinghausen in diesem Jahr: „Spuren des Oberbergmeisters – 300 Jahre Johann Heinrich Jung“ .

Am 22. Februar 1711 wurde der in Grund bei Hilchenbach geborene Sohn des Bauern und Köhlers Johann Ebert Jung, der auch Kirchenältester in Hilchenbach war, getauft. Das genaue Geburtsdatum steht nicht fest. Ortwin Brückel schätzt, dass er etwa eine Woche vor diesem Termin zur Welt gekommen ist.

Der heranwachsende Johann Heinrich Jung lernte Erich Philipp Ploennies kennen. Er war mit dem Auftrag nach Grund gekommen, das Siegerland zu vermessen. Während dieser Zeit lebte er im Haus von Jungs Eltern. Wissbegierig ließ sich Johann Heinrich von ihm anlernen.

17 Jahre und schon Schulmeister

Schon mit 17 Jahren hatte sich Johann Heinrich Jung so viele Kenntnisse angeeignet, dass er eine Lehrerstelle in Littfeld bekam. In den fast sechs Jahrzehnten danach war er nacheinander oder nebeneinander noch Land- und Grubenvermesser (Markscheider), Erfinder, Bergwerksbesitzer, Fabrikant und Unternehmer. Den Ehrentitel eines „Oberbergmeisters“ führte Jung in seinem letzten Lebensjahr, wie Ortwin Brückel weiß.

In dieser Funktion war Johann Heinrich Jung der ranghöchste Aufsichtsbeamte im nördlichen Siegerländer Bergbaurevier. Das umfasste etwa 300 kleine und kleinste Bergwerke zwischen Weidenau, Littfeld und Müsen, die größtenteils dem Landesherrn gehörten. Allerdings befanden sich auch viele Stollen in Privatbesitz und wurden im Ein-Mann-Betrieb ausgebeutet.

Jung selbst besaß die Grube „Plätze“, in die er zeitlebens viel Geld steckte, ohne nennenswerten Ertrag zu erzielen. Erst seine Nachkommen stießen auf eine lukrative Erzader, die ihnen große Gewinne brachte. Daraufhin wurde sie in „Heinrichssegen“ umbenannt und existierte bis ins 20. Jahrhundert. Bilder der Ausstellung zeigen, wie sie ausgesehen hat. Auch um die Entwicklung der Grube Stahlberg in Müsen machte sich Johann Heinrich Jung verdient, für die er zur Gewinnung von Energie ein Wasserrad konstruierte, das im verkleinerten Maßstab nachgebaut heute im Stahlbergmuseum zu sehen ist.

Zehn Kinder hatte Johann Heinrich Jung, von denen fünf verheiratet waren und ihm wiederum 29 Enkel bescherten. Von den Enkeln waren 18 eine Ehe eingegangen. Aus diesen Verbindungen stammten 64 Urenkel. Daraus schließt Ortwin Brückel, dass sich die Nachkommen von Johann Heinrich Jung bis heute auf eine Personenzahl von aktuell 2000 erhöht haben müsste. Ein Stammbaum zeigt bis ins 20. Jahrhundert die Nachfolgegenerationen auf. Potenzielle Abkömmlinge könnten ihre Verwandtschaft zu Jung erkennen.

Der berühmte Neffe Jung-Stilling

Wichtig für die Geschichtsschreibung ist die Nähe Jungs zu seinem Neffen Johann Heinrich Jung-Stilling (*1740), dem berühmten Gelehrten, der ebenfalls aus Grund stammte. Ihm brachte der Onkel Vermessungskunde bei, unterstützte ihn bei seiner Umorientierung zur Augenheilkunde und zum Medizinstudium, half ihm bei der Doktorarbeit und beim Verfassen eines Artikels zur Bergbauwirtschaft des Siegerlandes.

Gezeigt werden in der Ausstellung auch persönliche Gegenstände aus dem Besitz von Johann Heinrich Jung: etwa eine bislang unbekannte Schüssel aus seinem Hausrat und fünf Bücher in lateinischer Sprache, die das Kreuztaler Stadtarchiv besitzt. Denn auch Latein brachte sich Jung selbst bei. Ortwin Brückel hat inzwischen 18 Biographien gefunden, die sich mit Johann Heinrich Jung beschäftigen: die erste aus dem Jahr 1798, die letzte von 2010. Brückel schätzt: „Jung war der erste Bürgerliche, über den überhaupt eine Biographie geschrieben wurde.“ Und immer wieder gewinnt der Jung-Forscher neuere Erkenntnisse über den Allrounder aus Littfeld, über den sogar ein Theaterstück geschrieben wurde.

All dies erfährt der Betrachter der Ausstellung, die in mehreren Abteilungen auf Schautafeln das Leben Johann Heinrich Jungs rekapituliert. Viele Bilder vermitteln einen Eindruck aus der hohen Zeit des Bergbaus, die längst Vergangenheit ist. Zu sehen ist die Ausstellung noch an den nächsten drei Wochenenden: jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr.

DerWesten

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