„Leben Lernen“ auf dem Stundenplan in Netphen

Lego-Roboter selbst programmieren: Wer in dieser AG einen Platz bekommen hat, hatte großes Glück.
Lego-Roboter selbst programmieren: Wer in dieser AG einen Platz bekommen hat, hatte großes Glück.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
„Leben.Lernen“ ist das Schulmotto am Gymnasium Netphen, und so heißt auch das Band der AG, das im Zuge der G-8-Reform aus dem überladenden Stundenplan herausgeschnitten.

Netphen..  Bei Dr. Ralf Nötzel, Carl Döhr und Reinhard Pisters tragen elf junge Leute mit selbst gebauten Modellflugzeugen einen Wettbewerb aus. Bei Anna Ohrndorf statten drei Mädchen Marilyn Monroe mit neuen Kleidern aus. Bei Eckhard Göbel wird jeder Fünftklässler am Ende des Schuljahrs seinen Eltern am abendlichen Himmel die gerade vorbeifliegende Raumstation ISS zeigen können.

Dr. Nötzel ist Vater eines Schulkinds, seine Mitstreiter sind wie er passionierte Modellsegelflieger. Anna Ohrndorf geht in die 9. Klasse des Netphener Gymnasiums; als blutjunge Modemacherin hat sie im vorigen Jahr sogar schon eine Staffel der Kinderkanal-Daily Doku „Mein Style“ mitbestritten. Und Eckard Göbel — das ist der Direktor des Gymnasiums. Flugzeuge bauen, Mode machen, Sterne gucken. Das ist alles Schule. Donnerstags in der 6. Stunde.

„Leben.Lernen“ ist das Schulmotto auf der Haardt, und so heißt auch das Band der Arbeitsgemeinschaften, das im Zuge der G-8-Reform aus dem überladenden Stundenplan herausgeschnitten wurde: „Es gehört schließlich zur Menschwerdung dazu, dass man herausfindet, wo man seine Stärken und Schwächen hat“, sagt Göbel.

Dass dafür auch mal eine Stunde Latein oder Geschichte dran glauben muss, ist für Katharina Brügelmann, die diese Fächer unterrichtet, alles andere als schlimm. Sie koordiniert das Angebot für die rund 300 Fünft- bis Neuntklässler mit erkennbarer Freude: „Das Schöne ist, dass dort Schüler unterschiedlichen Alters etwas zusammen machen“ — denn alle 19 Kurse sind offen für alle oder zumindest mehrere Jahrgänge. „Und wir vernetzen uns mit der Umgebung.“ Viele Arbeitsgemeinschaften werden von Eltern oder anderen engagierten Vertretern vielfältiger Professionen geleitet — Tendenz steigend.

Tippen, Chillen, Dichten

Robin Engel aus der 7 c schreibt ein Programm für den Lego-Roboter, der in Zukunft vor jeder Wand kehrt machen wird. Der USB-Stick bringt die Daten in die Roberta. „In der Oberstufe kann man das dann auch übers Handy steuern“, sagt Lehrer Stefan Flecke – die Jüngeren dürfen die Mobiltelefone noch nicht benutzen. Der Roberta-Kurs war einer der begehrtesten. „Wir hatten ursprünglich über hundert Anmeldungen“, berichtet Katharina Brügelmann.

Die, die nicht mitmachen konnten, fanden leicht eine Alternative zwischen „Tipp(en)-Training“ und „Chillen de Luxe“, dem Sporthelferlehrgang und dem Management des als Schülerfirma gegründeten Schulshops. Demnächst vielleicht auch bei crauss, dem Siegener Dichter, der unter dem Titel „Das Geheimnis von Netphen“ eine Schreibwerkstatt anbieten will, oder bei Bürgermeister Paul Wagener, der sich als Rechtskunde-Referent empfiehlt.

Durch die Flure huschen zwei Mädchen mit Kameras, die rasenden Reporterinnen der Schülerzeitung, die auf ihr erste Ausgabe vorbereitet. „Jeder weiß schon, was er schreiben will“, sagt Klara Henrichs, eine der Schülerin-Redakteurinnen. 24 Seiten stark wird das Werk. „Wir haben uns bewusst für ein Printmedium entschieden“, sagt Andreas Köhler, der sich als beratender Lehrer an die eigene Schulzeit mit der „Kleinen Freiheit“ am Löhrtor erinnert. Die ließ sich so gut unterm Tisch lesen.

Mancher Artikel entsteht zu Hause. Mancher Handgriff am Modellflieger nach dem Klingeln in der Mittagspause. „Die ist ja auch lang genug“, sagt Koordinatorin Katharina Brügelmann etwas mitleidlos. Anscheinend mitleidlos. Denn ihre Schülerinnen und Schüler haben ihr bereits deutlich gemacht, dass sie die 6. Stunde durchaus nicht einfach totschlagen wollen. Mehr Kunst, mehr Sport stand auf den Wunschzetteln aus den 9. Klassen, die Katharina Brügelmann nach dem Start des ersten Durchgangs zu Beginn dieses Halbjahrs nach ihrer Meinung gefragt hat. Und: Neue Sprachen möchten die Gymnasiasten lernen. Sie haben Lust auf Russisch, Italienisch, Japanisch.

Förderkurse inbegriffen

Die 6. Stunde am Donnerstag ist nicht für alle Jonglieren oder Tanzen, Schiedsrichter-Lehrgang oder Astronomie. Einige sind auch gesetzt für die Förderkurse in Latein, Französisch und Mathe, und die empfinden das keineswegs als Strafe, betont Katharina Brügelmann: „Sondern als Chance.“ „Die Versetzung ist auch wichtig“, erinnert Schulleiter Eckhard Göbel an eine andere Aussage des selbst gewählten Schulprogramms: „Wir wollen keinen zurücklassen.“

Die 6. Stunde ist vorbei. Dr. Ralf Nötzel verrät noch, was die kleinen Flugmodellbauer zur Krönung des Kurses erwartet: einmal im Flugsimulator das Ruder übernehmen. „Und dann kriegt jeder seinen Flugschein.“ Klara Henrichs verrät nicht, wie die neue Schülerzeitung heißt. Nur den Untertitel. Der enthält das Schulmotto: „Leben. Lernen.“ Und vorangestellt zwei Wörter mehr. „Ohne Lehrer“.

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