Kunst des Männergesangs jenseits des Vorstellungsvermögens
14.02.2010 | 20:00 Uhr 2010-02-14T20:00:00+0100
Siegen. Wer Rezensionen nur liest, weil er darin negative Kritik zu finden hofft, sollte diesen Artikel beiseitelegen: Er wird danach vergeblich suchen.
Wer neugierig ist, wie es beim Rezensenten und offenbar bei Hunderten von Besuchern des Konzerts von San Francisco Chanticleer im Rahmen von Apollo vokal zu diesem Eindruck kam, der möge weiterlesen.
Zwölf Sänger bewegen sich auf der Bühne. Für jeden Titel finden sie eine neue Formation, ordnen sich in neuen Gruppierungen, ruhig und gelassen, als wäre das ganz selbstverständlich. Laut Programm sind sie gleichmäßig verteilt auf Bass/Bariton, Tenor, Alt und Sopran - wohlgemerkt: erwachsene Männer.
Ohne Mikro das Theater beschallt
Sie singen ohne Mikrofon, eigentlich nicht besonders laut, aber sie füllen das Apollo mit Klang bis in die letzte Reihe. Sie singen drucklos-intensiv, und offenbar ist jeder einzelne fähig, alle Resonanzräume seines Körpers optimal zu nutzen - ob die Komposition ariosen Gesang oder Vogelstimmen verlangt, ob beseelte Kantilenen erklingen sollen oder grässliche Kriegsgeräusche erzeugt werden müssen.
Die Vokalkunst der Sänger macht alles möglich. Sie können als Solisten auftreten, sie können in idealer Weise Ensembleklang erzeugen. Das vielleicht am eindrucksvollsten mit der scheinbar so leichten Gregorianik. Überhaupt gab es viel „Alte Musik” aus dem 15. und 16. Jahrhundert.
Manchem mag es aufgefallen sein, wie geradlinig sie dabei jede Zeile gesungen haben. Da gab es keine subjektiven Drückerchen, da wurden keine einzelnen Wörter aus dem Kontext herausgehoben. Die Interpretation beschränkte sich darauf, das Geflecht der Linien durchhörbar zu präsentieren - und somit hier den allerhöchsten Grad musikalischer Ausdeutung zu demonstrieren.
Etwas anders bei modernen Komponisten: bei Ligeti, Chen Yi, Mason Bates, Sánchez Acosta - um nur einige zu nennen. Hier bestimmten Artikulation, Klangflächen, Ballungen und Cluster die Klangart der Kompositionen. Irgendwann ging es dann in Richtung Operettenschlager oder Comedian Harmonists. Und man höre und staune: Das bekam dank sängerischer Disziplin und hohem Stilgefühl mit geschmackvoller Delikatesse eine ähnliche Dignität.
Die musikalische Sicherheit muss man kaum erwähnen. Dass die Sänger Noten in der Hand hatten, mag man deuten als Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem "klassischen" Anspruch der Kompositionen. Bei den eher populären Zugaben traten sie dann ohne auf: Da brauchten sie ihre Hände, um zu klatschen und das Publikum zum Klatschen zu animieren.
Einziger Auftritt in Deutschland
Das machte gern mit und konnte durch seine Begeisterung drei Zugaben erzwingen. Doch dann war Schluss, so sehr die Sänger ihren Apollovokal-Auftritt – es war der einzige in Deutschland auf dieser Europa-Tournee – auch genossen.
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