Kultur-Pur-Historie – Wie Milva die Garderobiere ohrfeigte

Milva, die große Song-Diva, hier bei einem Auftritt 2007 in Iserlohn. Nach Gastspiel bei Kultur Pur 2002 kam sie von der Bühne und ohrfeigte erst einmal ihre Garderobiere.
Milva, die große Song-Diva, hier bei einem Auftritt 2007 in Iserlohn. Nach Gastspiel bei Kultur Pur 2002 kam sie von der Bühne und ohrfeigte erst einmal ihre Garderobiere.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Nackte Männer auf der Bühne, eine ohrfeigende Diva, Rockstars mit eigenwilligen kulinarischen Vorlieben für Schwarzbrot und Tankstellenessen: Fast ein viertel Jahrhundert Kultur-Pur-Kuriositäten.

Hilchenbach.. Handtücher haben die Macher von Kultur Pur schon oft beschäftigt. In den 24 Durchgängen des Zeltfestivals erlebte das Team um Kreiskulturreferent Wolfgang Suttner schon eine Menge mit den Künstlern.

Im Nachhinein ist das meiste so schräg, dass es für ein abendfüllendes Unterhaltungs-Programm reichen würde. 2001 zum Beispiel kommt „Milva nach dem Auftritt von der Bühne und ohrfeigt erst einmal ihre Garderobiere. Höhepunkte aus der Kultur-Pur-Historie:

1991 ging es fluffig los. Die kleine Tierschau – die bei Kultur Pur 25 wieder dabei sein wird – ließ Erfrischungstücher verteilen, die das Publikum auf Kommando öffnen sollte. Doch die erfrischende Wirkung bestand nicht in parfümiertem Wohlgeruch, sondern im Duft von Kuhmist. Durch diese Dunstwolke fuhren die drei Tierschauer mit Harley Davidsons über eine Rampe auf die Bühne, entkleideten sich dort und ließen es schön locker um die Lenden baumeln. Nackter Wahnsinn!


1992 kam das Teatr Krea tur. „Berliner Avantgarde-Theater“, erzählt Suttner. „Der Regisseur sagte mir: Wir spielen nur 40 Minuten.“ Das sei zeitlich nicht so ganz das gewesen, was man sich damals landläufig unter einer Vorstellung vorstellte. Aber immerhin habe er gelernt: „Theater muss kurz und heftig sein.

1992 gaben außerdem Konstantin Wecker & Wolfgang Dauner ein Doppelkonzert. Sie verlangten 20 weiße und 20 schwarze Frotteehandtücher. „Leute! Wieso müssen wir uns denn so quälen?!“, fragte Suttner sich – Frottee tue seinen Dienst schließlich unabhängig von der Farbe. Die Angelegenheit klärte sich aber beim Blick auf die Bühne: ein weißer Flügel, ein schwarzer Flügel; ein Interpret in weißer Kleidung, der andere in schwarzer. Die Handtücher, bei schweißtreibenden Konzerten unerlässlich, mussten einfach ins Bild passen.

KulturPur 1993 brachte „eine irre Begegnung mit Mikis Theodorakis“, sagt der Festival-Chef. Ein Jaguar hatte den griechischen Star vom Flughafen abgeholt. „Dann steigt er vorm Parkhotel aus und fragt mich: Warum hast Du mich eigentlich engagiert? Ich kann doch gar nicht singen – ich bin Komponist.“ Trotz dieser ermutigenden Einleitung „war es toll“. Theodorakis stellte aber noch Bedingungen: Das Hotelbett musste auf 2,20 Meter verlängert werden. Und essen wollte er Eisbein mit Sauerkraut.

1995 war Marla Glen auf dem Giller. „Die war völlig durchgeknallt“, erinnert sich Suttner. Das Konzert ausverkauft. Glen ging zur Kasse, nahm einen Teil ihres Gebisses raus – warum, das weiß der Himmel – und lud alle Fans vorm Zelt ein, doch noch umsonst reinzukommen.

1997 äußerte Juliette Gréco bodenständige kulinarische Wünsche. Sie bestand auf Schwarzbrot. Ihr Mann, so Suttner, reiste damals nur nach Deutschland mit, wenn er Schwarzbrot bekam. Der Versuch, der Sängerin mit einem eigens kreierten „Filet Juliette Gréco“ eine Freude zu bereiten, scheiterte übrigens kläglich. „Sie rief immer nur: Ich bin doch keine Kuh!“

1998 reisten „The Wailers“ an. Leider hatten sie ihr Schlagzeug vergessen. Ach ja: und ihren Sänger. Der war noch in der Karibik. Immerhin kannte die Band einen Ersatzmann aus Amsterdam. Während die Jungs rauchend auf der Wiese lagen, kümmerte sich das Team darum, Drums und Sänger auf den Giller zu bringen.

2001 bis 2014: Ian Anderson ein unnahbarer Gast auf dem Giller

2001 kommt Milva, die große Diva“, nach dem Auftritt von der Bühne und ohrfeigt erst einmal ihre Garderobiere. „Sie war super schlecht gelaunt und angespannt“, erinnert sich Suttner.

2002 bezauberte die kanadische Sopranistin Natalie Choquette Publikum und Team. „Die war total freundlich“, sagt Suttner. Und sie war witzig: Auf der Bühne hängte sie Wäsche auf und kochte Nudeln, während sie italienische Arien sang. Später kletterte sie singend dem Dirigenten auf die Schultern.

2002 gab sich auch Miriam Makeba die Ehre – allerdings erst, nachdem der südafrikanische Botschafter sich eingeschaltet hatte. Zuvor hatte die Sängerin nämlich abgesagt. Im Endeffekt erschien sie dafür mit Kindern und Enkelkindern, die irgendwann alle mit auf der Bühne standen. Suttner: „14 Leute. Die mussten wir alle versorgen.“

2006 wollte der Kulturreferent Bob Geldof eine besondere Freude machen. Er überreichte ihm einen Katalog der Paul McCartney-Ausstellung im Lyz. „Du hast diese Ausstellung gemacht?!“, habe Geldorf ihn daraufhin angefahren. „Das ist die beschissenste Malerei, die ich je gesehen habe!“ Trotz dieses Starts fand der irische Musiker einen Draht zum Festival. Immerhin prägte er über Kultur Pur den Satz: „A place to be in the middle of Nowhere.“

Gitarrenkunst mit wenig Herzblut 2008 war Gary Moore „den wir alle sehr verehren“, wie Suttner betont, „nicht bereit, sich auf unsere Küche einzulassen“. Er bestand auf eine eigene Küche hinter der Bühne, in der sein eigener Koch ihm eigenes Essen zubereitete. Die Ausstattung bekam das Team irgendwie zusammen, die Zutaten wurden an Tankstellen zusammengekauft – und das ganze Zelt roch beim Auftritt nach Essen.

2012 folgte Ian Anderson (Jethro Tull) der Einladung auf den Giller. „Sehr unnahbar“, sagt Suttner über den Frontmann der Band Jethro Tull. „Er reichte einem zur Begrüßung nicht einmal die Hand. Nur den Ellenbogen.“

2013 präsentierte sich Rodger Hodgson, die Stimme von Supertramp, wesentlich offener. „Ein unglaublich gelassener, freundlicher Mensch, der allen Mitarbeitern die Hand schüttelte.“

Nur mit Joint auf die Bühne – Wie man Künstler bei Laune hält

Die Organisation eines Festivals ist mehr als die Aufstellung von Zeitplänen und Budgets. „Dazu kommen die Probleme mit dem internationalen Showbusiness“, sagt Festivalleiter Wolfgang Suttner. Künstler sind nicht immer einfach.

„Es gibt Künstler, die sind total offen, auch hinter der Bühne“, sagt Suttner. „Und ich habe das Gefühl: Je größer die Leute werden, desto freundlicher sind sie.“ In jedem Fall gelte es, die Stimmung der Stars auf einem möglichst hohen Level zu halten. Fritz Rau, so Suttner, habe das ihm gegenüber einmal auf den Punkt gebracht: „Künstler sind Edelsteine, die auf der Bühne nur funkeln, wenn Du sie hinter der Bühne polierst.“

KulturPur 2014 Dabei gebe es verschiedene Kategorien von Wünschen. „Wenn jemand für seine Band ein vernünftiges Essen haben möchte, ist das natürlich in Ordnung.“ Heikler werde es, wenn Aufmerksamkeiten wie spezielle teure Weine, kostspieliger alter Whisky oder exotisches Mineralwasser Vertragsbestandteil seien.

Von den Kosten – zusätzlich zur Gage – einmal abgesehen erfordert die Beschaffung einiger Dinge schließlich logistischen Aufwand, den jemand vom Team bewältigen muss: „Und dann bleibt’s vielleicht noch stehen oder wird eingepackt“, sagt Suttner. „Da fragt man sich, ob das nicht Allüren sind, die die Bewertung eines Künstlers heben sollen – eine Inszenierung."

Abgefahrene Star-Allüren einiger Künstler

Und es geht auch abgefahrener, wie die Festivalmannschaft schon erleben musste. Ein Topact etwa forderte vertraglich Handtücher mit einer Kantenlänge von 40 Zentimetern. Ein anderer wollte nicht auftreten, wenn er keinen Joint bekommt. Spätestens da stößt eine Einheit einer öffentlichen Verwaltung natürlich an Grenzen.

Doch all die Eigenheiten und all die Mühsal, die sie verursachen, gehören irgendwie dazu: „Wir müssen halt hinter der Bühne für gute Laune sorgen.“ Wichtig sei „das Team, das unendlich viel Zeit und Kraft investiert“, sagt Suttner. In den ersten Minuten zeige sich in der Regel, ob der Einsatz sich gelohnt hat, ob ein Auftritt zündet. „Wenn Du dann im Zelt bist, und es ist enthusiastische Stimmung... und eine unglaubliche Emotion brandet aus den 2000 Leuten, aus den Künstlern und dem Publikum heraus: Das reißt Dich mit."

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