Kultur in Kreuztal auch für arme Gäste

Kreuztal..  Was in den politischen Gremien in fast anderthalb Jahren Beratungsrunden stecken geblieben ist, setzt nun der Wohlfahrtsverband um: „Kultur Live“ ist die Variante der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zur kommunalen „Kulturloge“, die die Grünen-Kreistagsfraktion seit Ende 2013 fordert. Mittlerweile zehn Kulturveranstalter stellen Freikarten zur Verfügung, die über Kultur Live an Menschen abgegeben werden, die sich die Eintrittspreise, auch ermäßigte, nicht leisten können.

Jetzt ist auch die Stadt Kreuztal in dem Verbund dabei; einstimmig hat sich der Kulturausschuss dafür ausgesprochen. „Das passt in unser Verständnis von Kultur“, begrüßte Vorsitzender Jochen Schreiber (SPD) die Initiative. „Man wundert sich nur, dass so etwas in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik erforderlich ist“, sagte Volker Hopfner (CDU). Ist es, bestätigten Emetullah Hokkaömeroglu und Anja Dillmann, die das AWO-Angebot vorstellten. 66 Gäste sind in der Datenbank, denen seit dem Start im April bisher 120 Eintrittskarten vermittelt wurden. „Eine sehr emotionale Geschichte“, sagt Anja Dillmann, „die Menschen weinen, weil sie zum ersten Mal seit langem wieder an einer kulturellen Veranstaltung teilgenommen haben.“ Die Karten werden nach den angemeldeten Vorlieben für die verschiedenen Sparten angeboten, bedacht wird dabei auch die Erreichbarkeit des Veranstaltungsortes für die Gäste. Ein demnächst neunköpfiges ehrenamtliches Team übernimmt die Vermittlung. Wer Gast werden will, kann sich seine Berechtigung — also das geringe Einkommen – über die Sozialpartner des Projekts nachweisen lassen. Das sind Jobcenter, Beratungsstellen, vor allem aber die Tafel, über die fast die Hälfte der Gäste den Weg zu Kultur Live gefunden hat. Übel genommen wird nur eins: nicht hingehen, ohne abzusagen. Wem das drei Mal passiert, wird für ein halbes Jahr gesperrt.

Top-Shows eingeschlossen

Kreuztal Kultur reserviert für jede Veranstaltung mindestens vier Karten, auch für die ausverkauften, betont Kulturamtsleiter Holger Glasmachers: Das Projekt soll nicht dazu missbraucht werden, unverkäufliche Plätze zu füllen. „Das gäbe ein ganz schlechtes Bild.“ Bliebe es bei der Mindestzahl, würde Kreuztal in der kommenden Spielzeit 136 Tickets einbringen. Das bedeutet, abgesehen von den 68 Euro Systemgebühr, eine Mindereinnahme von 2608 Euro. Nicht viel, sagt Elfrun Bernshausen (SPD): „Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zu dem, was den Menschen sonst vorenthalten würde.“169 der rund 13 000 Besucher der Veranstaltungen haben in der letzten Saison in Kreuztal Vergünstigungen bekommen: Den halben Eintrittspreis zahlten elf Gäste mit Stadtpass, zehn mit Familienkarte und 19 mit der Ehrenamtskarte. Kostenlos in die Show oder ins Konzert kamen 63 Begleitpersonen von Gästen im Rollstuhl und 66 unter 14-Jährige — Letztere, damit ihre Eltern nicht aufs Theater verzichten müssen, weil sich niemand um die Kinder kümmern kann.