Kriegsopfer finden Hilfe in Siegen

Basel Shuhaibar (2.v.l.) mit seiner Großmutter Jamila Shuhaibar (links) und Hani Sulaiman (2.v.r.) mit seiner Mutter Ramziah Sulaiman (rechts).
Basel Shuhaibar (2.v.l.) mit seiner Großmutter Jamila Shuhaibar (links) und Hani Sulaiman (2.v.r.) mit seiner Mutter Ramziah Sulaiman (rechts).
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Eigentlich wollen sie nur spielen. Sie steigen auf ein Hausdach, um Tauben zu füttern. Verhängnisvoll. Als eine Rakete einschlägt, sind drei der fünf Kinder auf der Stelle tot.

Siegen.. Eigentlich wollen sie nur spielen. Sie steigen auf ein Hausdach, um Tauben zu füttern. Verhängnisvoll. Als eine Rakete einschlägt, sind drei der fünf Kinder auf der Stelle tot. Der 10-jährige Basel Shuhaibar und sein Cousin überleben. Basel verliert ein Stück seines Schädelknochens, hat einen verletzten Arm und Granatsplitter in den Beinen. Lange schwebt er in Lebensgefahr. Keine Seltenheit im Krieg, der den Gazastreifen letztes Jahr erschüttert – 50 Tage lang, von Juni bis August.

Auch Hani Sulaiman fällt ihm zum Opfer. Der 32-Jährige ist Rettungssanitäter. Er und seine Kollegen sind schon seit 24 Stunden in Bereitschaft. Immer wieder müssen sie rausfahren und Verletzte bergen. Bei seinem letzten Einsatz befinden sie sich gerade auf dem Rückweg, transportieren zwei Menschen ins Krankenhaus, als etwas ihren Wagen trifft und explodiert. Eine Flugzeugrakete, vermutet Sulaiman heute. Mit schweren Verletzungen an Brustkorb und Schulter liegt er einen Monat lang auf der Intensivstation. Beinahe hätte sein Arm amputiert werden müssen. Stattdessen bleibt es bei einer Lähmung.

Behandlung im Stilling-Krankenhaus

Seit Januar teilen Hani Sulaiman und Basel Shuhaibar sich ein Zimmer im Siegener Jung-Stilling-Krankenhaus, wo Veit Braun, der Chefarzt der Neurochirurgie, sie kostenlos operierte. Mit dabei sind Basels Großmutter und Sulaimans Mutter. Das Deutsch-Palästinensische Ärzteforum hatte ihnen die Reise nach Deutschland ermöglicht. „Im Gazastreifen mangelt es an Medizin“, verrät Osama Shamia.

Er ist Frauenarzt und Mitglied des Ärzteforums, kümmert sich mit um die Betreuung der beiden. „Patienten müssen Fäden oder Infusionsmittel dort selbst kaufen.“ Generell fehle es an den grundlegendsten Dingen. „Das Leben in Gaza ist sehr schwierig“, berichtet Sulaiman. „Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom und nur wenig Lebensmittel.“ Viel verbessert habe sich seit dem Krieg nicht.

Zwischendurch klingelt immer wieder Sulaimans Handy. Seine Frau bekommt just in dieser Sekunde ein Kind. Vier haben sie schon. „Klar habe ich Angst um meine Familie“, gibt er zu. „Ich bin nur froh, dass mir bei dem Angriff nichts Schlimmeres passiert ist“, fährt er fort. „Wenn man in Gaza lebt, rechnet man jeden Tag mit so etwas.“ Zu Hause möchte er wieder als Rettungssanitäter arbeiten. Ob das klappt, hängt von seinem Heilungsprozess ab. „Drei Finger kann ich schon wieder bewegen“, freut sich Sulaiman.

Im Krieg ging Basel nicht zur Schule

Auch Basel Shuhaibar geht es wieder besser. Was ihm passiert ist, kann der Junge nicht beschreiben. „Ist tragisch“, sagt er nur. Er hofft, bald wieder nach Hause zu können, will dort in die Schule gehen. Im Krieg sei das nicht möglich gewesen. „Da haben sich alle in den Schulen verschanzt“, erzählt er. Basel ist eines von sechs Kindern. Sein Vater ist arbeitslos, die Mutter Hausfrau. Angst hat er nicht mehr. „Der Krieg ist ja vorbei“, sagt der 10-Jährige.

Sobald die ägyptische Grenze zum Gazastreifen wieder offen ist, wollen er und sein Zimmergenosse zurückkehren. Die beiden haben sich auf der Reise nach Deutschland kennengelernt und sind hier Freunde geworden. Sie planen bereits, sich gegenseitig zu besuchen. „Wir sind dem Ärzteforum und Dr. Braun sehr dankbar“, betont Hani Sulaiman mit großem Nachdruck. „Hoffentlich können noch mehr Verletzte hier behandelt werden.“

Deutsche Ärzte wollen Brücken schlagen

Zum ersten Mal hat das Deutsch- Palästinensische Ärzteforum (PalMed Deutschland) Kriegsverletzte aus dem Gazastreifen zur Behandlung nach Siegen geholt. Dabei übernahm es vor allem die Kosten für Reise, Aufenthalt und Betreuung. Die Operationen selbst zahlte die Diakonie.

„Wer für eine Auslandsbehandlung infrage kommt, hängt vom Grad der Verletzung ab“, betont Osama Shamia, Frauenarzt aus Kreuztal und Mitglied des Ärzteforums. „Dabei spielen die Kosten eine wichtige Rolle.“ Das Forum sei auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen. Für die beiden aktuellen Fälle im Jung-Stilling-Krankenhaus liegen die Gesamtkosten zwischen 10 000 und 15 000 Euro, schätzt er. Auf Nachfrage des Forums schlägt das Gesundheitsministerium im Gazastreifen potenzielle Patienten vor. Die Ärzte in Deutschland entscheiden dann, wem geholfen werden kann und wem nicht. Zudem schickt die Organisation Medikamente, aber auch Ärzte in die Region. Shamia selbst war bereits vier Mal dort, um Menschen zu operieren. Er könne sich vorstellen, dass auch in Zukunft Patienten aus dem Gazastreifen nach Siegen zur Behandlung geholt werden.

Gemeinnütziger Verein

Das Deutsch-Palästinensische Ärzteforum ist ein gemeinnütziger Verein und offiziell als Nichtregierungsorganisation (NGO) anerkannt. Seine Ziele sind die Fort-und Ausbildung medizinischer Kräfte palästinensischen Ursprungs in Deutschland sowie die Brückenbildung zu Gaza, dem besetzten Westjordanland und Flüchtlingslagern außerhalb Palästinas. Der Verein möchte das Gesundheitssystem und die medizinische Infrastruktur verbessern und die medizinische Versorgung des palästinensischen Volkes gewährleistet wissen.