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Krankenpflege demnächst nur noch mit Abitur?

09.10.2012 | 11:30 Uhr
Krankenpflege demnächst nur noch mit Abitur?
Die Zugangsvoraussetzungen für angehende Krankenschwestern sollen geändert werden.Foto: Kirsch, Monika

Siegen.   Ist das Abitur demnächst Voraussetzung, um in der Krankenpflege zu arbeiten? Über die Zukunft von Krankenpflegeschülern in Deutschland berät aktuell das EU-Parlament. Die Krankenpflegeschulen des Marienkrankenhauses in Siegen und der Diakonie sind unterschiedlicher Auffassung über die Folgen.

Über die Zukunft von Krankenpflegeschülern in Deutschland berät aktuell das EU-Parlament. Demnächst soll die Ausbildung erst nach zwölf Schuljahren, also dem Abiturabschluss oder gleichwertigen Voraussetzungen möglich sein – die Mittlere Reife reicht dann nicht mehr aus. In 24 von 27 Ländern der EU gibt es diese Regelung bereits. Die Krankenpflegeschulen des Marienkrankenhauses und der Diakonie sind unterschiedlicher Auffassung über die Folgen.

„Es stellt sich bald die Frage der Akademisierung“, sagt Christoph Rzisnik, Geschäftsführer des Marienkrankenhauses. Die Krankenpflegeschulen liefen Gefahr, die Bewerber in einem zweiten Schritt der Umstrukturierung an die Hochschulen zu verlieren. Diese Absolventen hätten andere Einkommensvorstellungen und weniger Praxiserfahrung. Zudem hätten sie mehr Interesse an Leitungspositionen – es würde also eine zweite Berufsgruppe entstehen müssen, die sich um die Patienten kümmert.

Contra: Den Realschülern wird Möglichkeit zur Ausbildung verwehrt

Ein größeres Problem sei allerdings, dass man so einer Gruppe die Möglichkeit zur Ausbildung verwehre, mit der man in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht habe – den Realschulabgängern. „Viele entwickeln sich erst während ihrer Ausbildung“, sagt Juliane Schneider, Schuldirektorin am Marienkrankenhaus. Man nehme sich also die Möglichkeit, Leute einzustellen, die ihrer Erfahrung nach sehr gut im Job sind. Die meisten der 90 Krankenpflegeschüler im Marienkrankenhaus machen nach der Mittleren Reife ein Jahrespraktikum und mit ihrer Ausbildung das Fachabitur. „Wir dünnen durch die neuen Voraussetzungen weiter aus, dabei brauchen wir demografisch betrachtet bald mehr Bewerber.“

Ein weiteres Problem: Der Wettbewerb um die Abiturienten ist bereits jetzt sehr groß. „Und die Gruppe unserer Bewerber wird kleiner“, so Rzisnik. Noch könne sich die Pflegeschule zwar die Bewerber aussuchen – bald werde man aber mehr Kräfte brauchen. In Ballungsräumen gebe es schon Probleme alle Schulplätze zu belegen. Ebenfalls besorgniserregend: Dieses Jahr hätten erstmals auffällig viele junge Leute nach ihrem Examen die Region verlassen, um in einer größeren Stadt zu arbeiten.

Zweigleisig, also zum einem mit Abitur und Studium zum anderen mit dem bisherigen System zu arbeiten, kann sich das Marienkrankenhaus aber vorstellen.

Pro: Neuerung steigert Attraktivität des Berufes

Als durchaus positiv bewertet indes Frank Fehlauer, Schulleiter der Krankenpflegeschule des Diakonieklinikums, die nun diskutierte Neuerung, weil sie die Attraktivität es Berufes steigert und ihn so konkurrenzfähig im zukünftigen Kampf um Bewerber macht. „Die zwölf Schuljahre sind auch in den anderen Ländern nicht gleichbedeutend mit dem Abitur“, so Fehlauer. In Frankreich würde zum Beispiel die Vorschule mit dazuzählen. Man könnte in Deutschland etwa überlegen, eine Assistenzausbildung anzubieten, um die zwölf Schuljahre vollzukriegen. Dennoch sieht auch Fehlauer das Problem, dass man so eine Gruppe fähiger Schüler ausschließt.

Eine vollständige Akademisierung der Pflegeberufe wird es seiner Ansicht nach in Deutschland aber nicht geben, weil unter anderem die Hochschulplätze fehlen. „Das Gesundheitsministerium plant etwa 10 Prozent der Pflegekräfte zu akademisieren“, so der Schulleiter. Es gebe mittlerweile viele Aufgabenfelder für Pflegekräfte, deshalb sollte man in dem Bereich Bachelor und Master sogar forcieren.

Von Irmine Skelnik



Kommentare
09.10.2012
14:23
Krankenpflege demnächst nur noch mit Abitur?
von kaltmangel | #2

Jetzt die KrankenpflegerInnen, als nächstes die KindererzieherInnen ... Wie ich kürzlich mitbekommen habe, habe die Kindererzieherinnen, die z.Zt-. vermehrt aus Griechenland hier eine Anstellung finden, alle ein Abitur. Als ich beschloss, Abitur zu machen, habe ich mich damit automatisch gegen diese Berufe entschieden, denn damals war Überqualifikation auch noch ein Ablehnungsgrund.
Eine Aufwertung dieser Berufe geschieht nicht durch eine Erhöhung der Zugangsvoraussetzungen, sondern über ein gerechtes, der Aufgabe adäquates Gehalt, von dem der / Berufstätige auch (ordentlich) leben kann und evtl. sogar eine Familie ernähren kann. Gerade die Berufe im sozialen und pflegerischen Bereich bedürfen da einer nicht geringen Aufwertung.

09.10.2012
14:07
Krankenpflege demnächst nur noch mit Abitur?
von Funakoshi | #1

Eigentlich unglaublich, dass es meine Mutter damals nur mit Volksschule geschafft hat, Krankenschwester zu werden, sich als OP-Schwester im Frischverletzten-OP (ja, so hieß es damals), über die Stationsleitung zur Pflegedienstleitung zu entwickeln! Dabei musste sie damals schon traurigerweise feststellen, wie wenig z.T. "hochgelobte" - ausländische - Abschlüsse in der Realität wert waren. Vielleicht sollte man erst einmal in ganz Europa die hiesigen nationalen Voraussetzungen einführen, um gleiche Qualitätsstandards zu sichern?!?! Ich glaube, ich sollte für sie bei der EU-Kommision noch nachträglich das Abitur und die Anerkennung als "Master of Public-Health-Management" beantragen?!?!? Am besten demnächst zum 75. Geburtstag. Merken diese Experten eigentlich nicht mehr, wie krank sie selbst anscheinend sind???

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