Kino braucht den Kulturellen Marktplatz

Jochen Manderbach erklärt, wie digitale Projektion funktioniert: Statt Filmrollen werden nur noch Dateien versandt.
Jochen Manderbach erklärt, wie digitale Projektion funktioniert: Statt Filmrollen werden nur noch Dateien versandt.
Foto: WP

Dahlbruch..  Ganz am Schluss, als der Kulturausschuss sich von der Geschichte des vielfach preisgekrönten Viktoria-Kinos und der Stippvisite im Vorführraum hat beeindrucken lassen, spricht Jochen Manderbach Klartext — oben auf dem Balkon des Theaters, der nach dem letzten Umbau Film-, Schauspiel- und Konzertgenuss in bewirteter Clubatmosphäre erlaubt: Ja, sagt der 55-jährige Kinobesitzer, der das Haus 1991 von dem legendären Felix Fischer übernommen hat, er werde den Betrieb auch weiterführen, wenn der Kulturelle Marktplatz nicht kommt. „Aber nach mir werden Sie keinen mehr finden, der so verrückt ist.“

Zweiter Saal sichert Existenz

„Das Haus muss so attraktiv sein, dass es weiterhin mit Leben gefüllt ist“, sagt Manderbach. Er plädiert dafür, die Weichen jetzt rechtzeitig zu stellen — zumal der Generationswechsel der anderen Sparte des Hauses noch früher bevorsteht: Hartmut Kriems, seit 1984 Geschäftsführer des Gebrüder-Busch-Kreises, erreicht in den nächsten Jahren das Rentenalter. Die mit dem Kulturellen Marktplatz verbundene Gastronomie wäre „eine unglaubliche Aufwertung dieses Objekts“, sagt Jochen Manderbach. Existenzsichernd wäre der zweite Veranstaltungssaal, der es dem Viktoria-Kino erlauben würde, Bundesstarts drei Wochen lang zu zeigen, so wie die Verleihe es verlangen: An den neuen James Bond im November denke er „mit Schrecken“, sagt der Kinobesitzer. „Was ist dann mit dem Kinderkino?“ Die zweite Leinwand fürs Viktoria hätte auch für andere Nutzer Vorteile: „Der Gebrüder-Busch-Kreis würde auch gern einmal samstags abends Theater machen.“

Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die Akteure in dem Kultur- und Freizeitkomplex am Bernhard-Weiss-Platz mit Beschränkungen einrichten, weil ihr Ensemble nun einmal, wie Ausschussvorsitzende Annette Czarski-Nüs (Grüne) feststellt, so „einzigartig in Deutschland“ ist. Vom Besucher-Allzeithoch mit 90 000 Gästen im Jahr 1993 ist das Viktoria auf zeitweise 30 000 abgestützt, im vorigen Jahr erst ging es wieder um 20 Prozent aufwärts auf 36 000. Schuld daran ist nicht nur der Siegener Cinestar, sondern der Wandel in den Sehgewohnheiten: Sechs Wochen wartet kein Jugendlicher mehr darauf, dass ein neuer Film in Dahlbruch ankommt. Und das Repertoirekino von einst, das alle sechs Monate Blues Brothers zeigen kann, ist tot. „Damals war der Saal voll, weil es keine andere Möglichkeit gab, den Film zu sehen“, sagt Jochen Manderbach. Heute gibt es alles sofort und überall.

Das Viktoria ist heute Familienkino. Da passen die„50 Shades of Grey“ nicht rein. Wohl aber „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden, der den demenzkranken Vater von Till Schweiger spielt: „Genau der Film für dieses Haus“, sagt Jochen Manderbach: 6000 Besucher – in den letzten 25 Jahren lief nur der „Herr der Ringe“noch besser.