Kinder der Nordschule Siegen erzählen von ihrer Heimat

Fakhir, Sezar, Viljan und Rose (von links) gehen in die dritte Klasse der Nordschule Siegen. Jedes der Kinder hat mindestens einen Elternteil, der
Fakhir, Sezar, Viljan und Rose (von links) gehen in die dritte Klasse der Nordschule Siegen. Jedes der Kinder hat mindestens einen Elternteil, der
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Angelika Schulte unterrichtet in der dritten Klasse der Nordschule Siegen. Gemeinsam mit den Kindern spricht sie eine Stunde lang über Traditionen der Eltern und ob sie sich in Siegen zu Hause fühlen

Siegen.. In den Gängen der Nordschule lärmen Kinder die Treppen auf und ab. Manche hocken in den Ecken und suchen etwas in ihren viel zu großen Tornistern. Mütter verabschieden sich. Ein Junge hat Geburtstag und wird von seiner Lehrerin gedrückt. „Alles Gute“, ruft sie. Angelika Schulte wirkt wie ein Ruhepol. Sie bewegt sich sicher durch die Schüler. Sie grüßt manche mit Namen, lächelt freundlich. „In unserer Klasse sind fast nur Kinder, die ausländische Wurzeln haben“, sagt sie. Sie unterrichtet den dritten Jahrgang. Heute geht es um Heimat.

Der Klassenraum liegt in der zweiten Etage. Vor der Tür warten schon die Kleinen. Angelika Schulte ruft ein „Guten Morgen“ in den Pulk und schiebt einige verschlafene Kinder zur Seite. Im Klassenraum ist es gemütlich. In den Regalen stehen kleine Körbchen, für jeden Schüler eines. Eine Schnur mit Buchstabenbildern von A bis Z hängt unter der Decke. Die Kinder schnattern durcheinander, bis Angelika Schulte sich vor die Tafel stellt. „Guten Morgen“, sagt sie noch einmal laut. „Guten Morgen“, schallt es einstimmig zurück.

Aufgabe eins: Stellt euch und eure Heimat vor. Lucas Hand schnellt in die Luft. Seine Mutter kommt aus Polen, sein Vater aus Deutschland. Früher besuchte er Polen, aber jetzt reisen er und seine Familie nicht mehr so oft in die Heimat. Warum das so ist, sagt er nicht. Veronika kommt auch aus Polen. In den Sommerferien fährt sie zu ihrem Opa.

„Ich vermisse ihn!“

Eine Hand nach der anderen streckt sich in die Luft. Rose kommt aus Syrien, Robert aus Kroatien, Hafsa aus Pakistan. Darius kommt aus Rumänien. Er ist noch nicht lange hier, spricht kaum deutsch. Ein Klassenkamerad übersetzt oft für ihn. Mohamed ist aus Libyen. Er sagt, dass er sich dort gut fühlt, erzählt von dem Hund, der bei seinem Opa lebt.

Langsam tauen die Kinder auf, erzählen jetzt mit mutiger Stimme vom heimatlichen Essen, dass ihre Eltern auch in Deutschland kochen. „Wir essen pakistanischen Reis und Samosa“, sagt Hafsa, ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren und einem schüchternen Gesichtsausdruck. Angelika Schulte hakt nach: „Was genau ist Samosa?“ Hafsa versucht zu erklären. „Eine Teigtasche, da ist etwas drin...“ Hackfleisch oder Fisch, manchmal auch Gemüse wird in den Teig gefüllt. Yasin ruft: „Das haben wir schon gegessen.“

WP-Serie Angelika Schulte erinnert sich: „Stimmt, das hatten wir bei unserem letzten Büfett.“ Zusammen haben sie eine internationale Tafel organisiert. Eltern bereiteten traditionelle Speisen vor. Yasin aß den ganzen Erdbeerkuchen allein, wie er stolz verkündet. Die Kinder leben in Deutschland, lernen trotzdem die Traditionen und Bräuche kennen, die ihre Eltern mitbrachten oder die andere Kinder aus der Klasse leben. Ein neugieriges Miteinander. Es wird lauter und Angelika Schulte steht auf. Aufgabe zwei: Malt ein Bild von eurer Heimat. Rose weiß, was sie malen will: „Unsere Flagge.“ Oben rot, unten grün. Eine dicke gelbe Sonne prangt mitten auf dem Bild. Sie kennt die Flagge genau, wie viele ihrer Freunde.

Während sie malt, sagt sie: „In Syrien haben uns die Lehrer immer mit Stöcken geschlagen. Auf die Finger.“ Robert hat die kroatische Flagge gemalt. Daneben steht: „Wir füttern Schweine und Hühner.“ Viele Kinder haben Tiere in der Heimat. „Vor meinem Haus gibt es eine Kuh, ein Pferd und eine Schule“, schreibt Fakhir und meint damit seine Heimat Pakistan. Die Kinder erzählen ihren Sitznachbarn von den Dingen, die sie malen. Heimat ist ein Thema, über das sie gerne reden. Luca erzählt von seiner Katze Mimi, die der Familie nachts zugelaufen ist. Er liebt sie wie seine Schwester, sagt er. Emsalnur hat auf ihr Bild eine kleine Katzenfamilie gemalt. „Die gibt es in der Türkei. Die laufen dort einfach auf der Straße herum.“ Viyan will vorlesen, was sie bisher geschrieben hat.


„Wir haben ein Fest, das heißt Aid. Das ist wie Halloween aber man muss sich nicht verkleiden, sondern schick machen.“

Wenn man an eine Tür klopft, dann sagt man „Aida de piroz be“ oder „Aida de piroz be guna de schie toz be.“ Als ihre Lehrerin nach der Bedeutung fragt, schüttelt sie stumm den Kopf. Sie weiß es nicht.

Flüchtlinge Yasin kommt nach vorn an das Lehrerpult. Er kommt aus Libanon. Pechschwarze Haare hat er und braune Augen. Er malte ein Haus ohne Dach, mit Badezimmer und Wohnzimmer und einem großen Keller. „Und dein Zimmer?“ „Ich hab kein Zimmer, das ist auseinandergefallen. Wegen dem Krieg.“ Seine Stimme klingt ein bisschen leiser als sonst.

Die Kinder bestimmen genau, wo ihre Heimat liegt. Meistens ist das nicht in Siegen, sondern dem Land ihrer Eltern, obwohl sie es kaum kennen, vielleicht nur ein- oder zweimal dort waren. Trotzdem, irgendwie ist es Heimat, irgendwie fühlt sich Siegen nicht ganz richtig an. Evelyn ist eine der wenigen, die das anders sehen.

„Meine Heimat ist in Deutschland und in Russland.“

Sie malte beide Flaggen auf ihr Papier. Es klingelt und die Kinder springen auf. Sie streiten, wer Milchdienst hat, wer den Boden fegen muss. Die ernsten Themen sind in dem Moment vergessen, in dem sie ihre Blätter auf das Lehrerpult legen.

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