Kein Ort für die Philharmonie

Zentrale Dahlbrucher Lage: Der etwa einen Hektar große Hauptschul-Campus soll verkauft werden.Foto:Steffen Schwab
Zentrale Dahlbrucher Lage: Der etwa einen Hektar große Hauptschul-Campus soll verkauft werden.Foto:Steffen Schwab
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Dahlbruch.  . „Nachdrücklich“ soll die Verwaltung „potenzielle Investoren“ suchen, die das Gelände der Dahlbrucher Hauptschule kaufen, dort Einrichtungen für Pflege, betreutes Wohnen oder Mehrgenerationenwohnanlagen oder einfach ein Wohngebiet errichten. Dem Bauträger soll es überlassen bleiben, ob er dafür alle Schulgebäude abreißt oder einen Teil, vor allem den Altbau am Ernst-August-Platz, stehen lässt. So hat es der Rat — wie bereits kurz berichtet — mit der Mehrheit von SPD und CDU beschlossen. Neben UWG, Grünen und FDP haben auch Klaus Stötzel (SPD) und Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab dagegen gestimmt.

Warum fällt die Entscheidung, sich von dem seit zwei Jahren nicht mehr als Schule genutzten Gebäudekomplex zu trennen, so schwer?

Zwei Gründe werden in der Diskussion immer wieder genannt: zum einen der Wunsch, den 1873 errichteten Altbau am Ernst-August-Platz zu erhalten — ein Bürger hat sich deshalb auch an den Landeskonservator gewandt. Zum anderen aber die Philharmonie Südwestfalen, die mit ihrem Domizil in der Schützenhalle nicht zufrieden ist. Es gibt Investoren, die für das Orchester am Siegener Obergraben neu bauen wollen. Hilchenbach hat den Kulturellen Marktplatz Dahlbruch in der Schublade: Da wäre die Schule, ergänzt um einen Saalbau für das Orchester, das „Haus der Musik“. „Kontraproduktiv“ wäre es, diese Option wegzunehmen, bevor der Philharmonie-Vorstand entschieden habe, warnt Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab, der neben Landrat Andreas Müller und Kulturreferent Wolfgang Suttner einer der drei Vorstände der Philharmonie ist.

Was sagen die Befürworter des Verkaufs?

Die Stadt braucht Geld, das Gelände in der Dahlbrucher Ortsmitte verspricht einen guten Verkaufserlös. Der erzielte Betrag stehe dann für Investitionen zur Verfügung, vielleicht sogar in den Kulturellen Marktplatz, sagt Sven Wengenroth (SPD): „Für uns ist das nach wie vor ergebnisoffen.“ André Jung (CDU) verweist auf die Kosten, die die Unterhaltung städtischer Gebäude verursacht. Die Stadt müsse sich von nicht benötigten Immobilien trennen, „wir sollten endlich den Einstieg machen.“

Kann die Stadt das eine tun und das andere nicht lassen, also sowohl Investoren suchen als auch die Tür für die Philharmonie offen halten?

Sie kann, findet Ernst Heinrich Hofmann (FDP). Das Gelände mit einer Gesamtfläche von etwas über einem Hektar ist groß genug. Mit 14 gegen 18 Stimmen wurde sein Antrag abgelehnt. Es wäre „natürlich schade“, wenn die Philharmonie wegziehe, sagt André Jung (CDU). Die Stadt könne aber den Umbau in Dahlbruch nicht finanzieren. Als „schöne Illusion“ bezeichnet Arne Buch (CDU) die Annahme, die Siegener Philharmonie-Investoren stünden auch für Hilchenbach bereit. „Das Eigeninteresse der Finanziers ist außerhalb Siegens auf Null reduziert.“ Sven Wengenroth (SPD) will gar nicht, dass Dahlbruch eine Option für die Philharmomie ist: „Wir möchten, dass sie in Alt-Hilchenbach bleibt.“ Sonst entstehe dort mit dem Leerstand der Schützenhalle ein neues Problem für die Stadt.

Warum ist die Entscheidung eilig?

Ist sie nicht, findet Dr. Peter Neuhaus (Grüne). „Ihr schlagt die Tür unnötigerweise zu.“ „Was vergeben wir uns, wenn wir das noch ein bisschen aufschieben?“, fragt Renate Becker (UWG) , zumindest bis zur nächsten Sitzung des Philharmonie-Vorstands. Klaus Stötzel versuchte es vergeblich mit einem Vertagungsantrag: „Das geht doch sowieso noch über Jahre“, erinnert er an das Schicksal anderer Immobilien — wie zum Beispiel die alte Stadtschule, die nach mehreren Optionsverträgen, die von Investoren dann doch nicht gezogen wurden, endlich Klimabildungsstätte werden kann. „Die Heizung ist reif vor dem nächsten Winter“, sagt Sven Wengenroth (SPD). Elf Nutzergruppen, unter anderem das Kulturprojekt Young Stage, die Heinzelwerker, der Kinderchor des Tus Dahlbruch, die Tanzgruppe Unique, der Bürgerbusverein und die DLRG müssen raus. Den Anfang hat schon die VHS gemacht, die ihre Kurse in die Carl-Kraemer-Realschule nach (Alt-)Hilchenbach verlegt.

Worum geht es wirklich?

Der Antrag, das Hauptschulareal zu verkaufen, ist der erste gemeinsame Auftritt von SPD und CDU als „große Koalition“. Die Fraktionen wollen gemeinsam den Bürgermeisterwahlkampf von Sven Wengenroth (SPD) unterstützen und am konkreten Beispiel deutlich machen, dass dieser Bürgermeisterkandidat eine stabile Ratsmehrheit hinter sich hätte.

Dahlbrucher Schulgeschichte

1784 wurde am Ernst-August-Platz das erste Schulgebäude errichtet.

1873wurde die alte Schule durch einen Neubau ersetzt.

1907 und 1908, so berichtet Heimatforscher Heinz Bensberg, wurde das Gebäude aufgestockt.

1911 entstand neben der katholischen Kirche eine weitere, katholische Schule – heute die Kuckucksnest-Kita.

1957 gebaut und 1966 erweitert wurde die neue Volksschule an der Hochstraße, die spätere Adolf-Reichwein-Hauptschule, die 2003 geschlossen wurde.