Junge Homosexuelle haben es schwer im Siegerland

Hand in Hand durch die Stadt: Schwule und Lesben wünschen sich dies als Normalität.
Hand in Hand durch die Stadt: Schwule und Lesben wünschen sich dies als Normalität.
Foto: Max Amos
Was wir bereits wissen
Joachim Moldenhauer ist Sozialarbeiter in Siegen. Er kämpft für Toleranz und Respekt gegenüber Homosexuellen. Keine leichte Aufgabe!

Siegen.. Momente wie diese, sagt Joachim Moldenhauer, erlebe er immer wieder: Vor der Engel-Apotheke am Siegener Hauptbahnhof haben am Samstag Männer und Frauen aus dem Andersroom, dem Begegnungszentrum für Homo- und Transsexuelle, einen Stand aufgebaut. Eine ältere Dame tritt hinzu. „Wissen Sie eigentlich, was Jesus dazu sagt?“ fragt sie. Es entwickelt sich eine kurze Diskussion darüber, ob in der Bibel Homosexualität gebilligt werde oder nicht. Die Dame verabschiedet sich mit einigen warnenden Worten. Einen Tag später, am 17. Mai, ist der IDAHOT, der internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie.

Beratung im Andersroom

„Es ist eher schwierig“, sagt Moldenhauer über die Situation von Homosexuellen in Siegen und Umgebung. „Es gibt viele konservative evangelikale Kreise hier, die sehr dominierend sind. Da haben wir viele dicke Bretter zu bohren.“ Nach wie vor müssten Homosexuelle Gewalt und Diskriminierung im Alltag fürchten. „Gewalt beginnt für mich schon bei Beschimpfungen. Körperliche Gewalt nimmt zum Glück etwas ab.“ Doch die Dunkelziffer sei sehr hoch, da viele Betroffene aus Scham nicht über ihre Erlebnisse reden wollten.

Moldenhauer ist Sozialarbeiter und berät im Andersroom schwule Männer zu Themen wie Coming-out, Gewalt oder Diskriminierung: „Die Leute kommen mit ganz verschiedenen Fragen zu mir: Wie oute ich mich? Ist es richtig, dass ich schwul bin?“ Zudem geht er regelmäßig in Schulen, um Aufklärungsarbeit zu betreiben. Dort sei ein Generationenwechsel unter den Lehrern zu erkennen: „Die jungen Lehrer sind viel aufgeschlossener.“

"Wir wollen Dialog"

Neben dem Stand hat sich eine Gruppe junger Leute zusammengefunden und bespricht das weitere Vorgehen. Sie kennen sich zum großen Teil aus dem Jugendtreff des Andersroom und wollen nun paarweise Hand in Hand durch die Stadt laufen. Hansjörg Müller und Anne Zündorf, Mitarbeiterinnen des Andersroom, haben diesen so genannten „Flashwalk“ organisiert, wollten aber keine Demonstration daraus machen.

„Bei Demonstrationen findet eine Abgrenzung statt zwischen den Demonstranten und der Öffentlichkeit“ erklärt Müller. „Wir sind aber Teil der Öffentlichkeit und wollen in den Dialog kommen. Es sollte ja auch normal sein, dass gleichgeschlechtliche Paare Händchen halten, ohne dass es gleich ein politischer Akt sein muss.“

Toleranz ist keine Altersfrage

Es gebe viele, auch im Jugendtreff, die sich fürchteten, in der Öffentlichkeit Hand in Hand mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu gehen, sagt Hansjörg Müller. Doch es gibt an diesem Tag auch positive Reaktionen: „Ein älterer Herr hat mich eben angesprochen und wollte ein paar Informationen haben. Er fand das total nett“, berichtet Amme Zündorf. Es sei schließlich keine Sache des Alters, ob man tolerant sei oder nicht, da sind sich die beiden Sozialarbeiter einig. „Es gibt intolerante Jugendliche und sehr nette und offene Großeltern. Es daran festzumachen, wäre zu einfach.“

Der Flashwalk findet in diesem Jahr zum ersten Mal statt, die Anzahl der Teilnehmer ist überschaubar. Hansjörg Müller ist trotzdem zufrieden: „Dafür, dass es für Siegen ein neues Konzept ist, ist es schon gut.“

Der 17. Mai und seine zweifache Bedeutung

Der Internationale Tag gegen Homophobie wird seit 2005 am 17. Mai begangen. Am 17. Mai 1991 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel gestrichen.

In Deutschland hat der Tag eine weitere Bedeutung: Die Ziffernfolge „17.5.“ spielt auf den Strafrechtsparagrafen 175 an, der bis 1994 — männliche — Homosexualität unter Strafe stellte.