Jugendhilfe im Familien-Format

Matthias Streif (rechts) und Team
Matthias Streif (rechts) und Team
Foto: WP

Kreuztal..  Rashid und Philipp sind schon da, 15 und 16 Jahre jung. An diesem Mittag müssen sie ihr neues Zuhause mit vielen Gästen teilen, die Küche, das Wohnzimmer. Ihr Zuhause ist das „Walter-Krämer-Haus“. „Wir versuchen, ihnen eine funktionierende Familie zu ersetzen“, sagt Erzieherin Susanne Hoffmann. Die haben die beiden Jungen nämlich nicht, und die fehlt auch den anderen vier, die in den nächsten Wochen noch hier einziehen. Nicht Verwandte oder Nachbarn schauen sich hier um und plaudern bei Kaffee und Schnittchen, sondern vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Jugendämtern. Denn das Walter-Krämer-Haus ist eine, wie es im Sozialgesetzbuch so nüchtern heißt, „Einrichtung der stationären Jugendhilfe.“

Fahrräder sind da, Grillecke folgt

Matthias Streif und sein Verein „perspektiv“ hatten die Idee schon seit einigen Jahren. „Wir wollten ein eigenes Projekt auf die Beine stellen.“ Eine Weile hat es gedauert, bis sie auf das ehemalige Wohnhaus und Büro eines vor einigen Jahren verstorbenen Architekten stießen. Zwei Privatleute kauften das Haus und vermieteten es an den Verein. Im Oktober 2014 begannen die ersten Mitarbeiter mit der Vorbereitung. Jetzt ist das komplette Team mit acht sozialpädagogischen Fachkräften, Hauswirtschafts- und technischer Fachkraft an Bord. 200 Quadratmeter stehen oben zur Verfügung, jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer. Unten stehen Kicker, Boxsack und Dartscheibe, und im Laufe des Jahres werden auf diesen weiteren 160 Quadratmetern auch noch drei Plätze für kurzfristige Inobhutnahmen eingerichtet.

Draußen könnte eine Grillecke entstehen. „Die wollen wir mit den Jugendlichen selbst gestalten“, kündigt Matthias Streif an. Im März wird es ein Straßenfest für die Nachbarn geben, Vertreter von Vereinen sind schon für diesen Nachmittag eingeladen. „Die Jugendlichen sollen am sozialen Leben teilnehmen können“, sagt Matthias Streif. Dazu dienen auch die geschenkten 15 alten Fahrräder, die die jungen Leute selbst wieder fahrbereit machen können.

Wenn sie das wollen: Die „Intensivgruppe“ ist ein Platz für junge Menschen mit schwerwiegenden Problemen. Fachleute haben vorher über sie und mit ihren Eltern beraten, bevor für sie dieser Platz gesucht wurde. „Es geht darum, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu finden“, sagt Georg Ritter, Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes bei der Stadt Siegen. Der größte Teil der Jugendlichen, schätzt er, kommt letztlich auf Wunsch der Eltern in eine Wohngruppe, nur eine kleine Minderheit auf richterlichen Beschluss. Manche bleiben, bis sie und ihre Familien wieder zu einem Zusammenleben bereit sind. Andere werden hier begleitet, bis sie in ein selbstständiges, erwachsenes Leben entlassen werden können.

Walter-Krämer-Haus? Als die Sparkasse ihn bei den Verhandlungen über den Kredit nach einem Titel für sein Projekt fragte, musste Matthias Streif, der sich schon selbst als Student für eine Ehrung des aus Siegen stammenden Nazi-Gegners und „Arztes von Buchenwald“ engagierte, nicht lange nachdenken Er ist ein Vorbild, sagt er, ein Mann, der seinem Leben eine Richtung gegeben hat.

Jugendhilfe-Fakten

Rund 100 Jugendliche lässt das Jugendamt der Stadt Siegen aktuell stationär betreuen, rund 140 das Kreisjugendamt.

Größte Träger von stationären Jugendhilfeeinrichtungen sind die Evangelische Jugendhilfe Friedenshort mit Wohngruppen in Freudenberg und Siegen, das Christliche Jugenddorf in Birkelbach und das Josefshaus in Olpe. Daneben gibt es eine Reihe kleinerer Einrichtungen.