Inklusion hinterm Lehrerpult

Wenn Gabriele Gittig in ihrem Klassenraum hinter dem Pult sitzt, spielt ihr Rollstuhl kaum eine Rolle. Das Smartboard kann die Lehrerin über einen PC bedienen, das Pult ist elektrisch auf ihre Sitzhöhe einstellbar.
Wenn Gabriele Gittig in ihrem Klassenraum hinter dem Pult sitzt, spielt ihr Rollstuhl kaum eine Rolle. Das Smartboard kann die Lehrerin über einen PC bedienen, das Pult ist elektrisch auf ihre Sitzhöhe einstellbar.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Bei Inklusion denken die meisten Menschen an Schüler. Lehrkräfte sind aber ebenso auf barrierefreie Gebäude angewiesen. Ein Besuch bei Gabriele Gittig an der Gesamtschule.

Siegen..  Wie schlimm es sie wirklich erwischt hatte, das wurde Gabriele Gittig erst Tage nach dem Sturz bewusst. Im Jahr 2009 fiel die Lehrerin vor der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule (BvS) hin. Sie merkte zwar rasch, dass etwas nicht stimmte – aber der Sturz krempelte ihr Leben völlig um. Erst anderthalb Jahre später kann sie wieder unterrichten. Im Rollstuhl.

„Die Rückkehr war für mich immer klar“, sagt die 63-Jährige. Sie gibt Englisch, Biologie und Kunst. „Ich bin seit 1990 hier, habe die Schule mit aufgebaut.“ Ihr Rückenmark ist geschädigt, sie kann nicht mehr laufen, hätte zuhause bleiben können. „Aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich gehe gern in die Schule.“

Inklusion ist im Bildungsbereich seit Jahren das große Thema. Normalerweise dreht sich die Diskussion darum, dass Schüler unabhängig von körperlichen oder sonstigen Einschränkungen Regelschulen besuchen können. Dass auch Lehrkräfte auf Barrierefreiheit angewiesen sind, findet selten Erwähnung. „Ich habe mich vor meinem Sturz auch nie damit befasst“, sagt Gittig.

Eigener Raum mit Hightech

Die BvS, so das Urteil der Pädagogin, ist in dieser Hinsicht gut ausgestattet. Schüler im Rollstuhl gab es bereits, auch einmal einen Lehrer. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die Stadt haben Hilfestellung geboten. Im Gebäude gibt es reichlich Rampen und breite Türen: „Es ist alles sehr gut durchdacht.“ Um Gabriele Gittig logistisch zu entlasten, hat sie einen eigenen Raum bekommen. Nummer 219 ist ihr Reich. Die Schüler kommen zu ihr.

Statt einer herkömmlichen Tafel hängt ein modernes Smartboard an der Wand. Darüber ist ein Beamer angebracht. Die 63-Jährige kann die Tafel über eine Tastatur vom – elektrisch höhenverstellbaren – Pult aus beschriften. Eine Internetverbindung ist verfügbar. Die Seitenflügel des Smartboards lassen sich mit Stiften beschreiben, sodass kombiniert analog-digitale Tafelbilder möglich sind. Die Ausstattung bietet so viele Möglichkeiten, dass auch Kollegen den Raum gern nutzen – wenn er frei ist.

Entscheidender als die Hightech-Ausrüstung sind aber die Menschen. „Die Schüler sind ausnahmslos hilfsbereit“, schwärmt Gabriele Gittig. „Die kommen aus der hintersten Ecke angeflitzt und halten mir die Türen auf.“ Von Berührungsängsten keine Spur: Wenn die Lehrerin über die Flure fährt, starrt niemand, es gibt kein Getuschel; statt dessen grüßen die Jungen und Mädchen, lächeln, bleiben völlig entspannt. „Kinder sind oft unverkrampfter als ältere Leute“, sagt Gabriele Gittig.

Manche Schüler haben auch Fragen, wollen mehr über die Hintergründe und das Leben im Rollstuhl wissen. „Ich bin da immer sehr offen mit umgegangen“, sagt die Pädagogin. Für die älteren Schüler, die sie noch ohne ihr Vehikel kannten, sei die Situation anfangs allerdings etwas komisch gewesen.

Lockerer Umgang im Alltag

„Ich bemerkte schon, wie manche die Luft anhielten – oder das plötzliche Schweigen, wenn ich in die Klasse kam.“ Doch auch das ließ sich überwinden und Normalität kehrte ein. Und die jüngeren Schüler kennen Gabriele Gittig nicht anders und nehmen den Rollstuhl hin. „Viele fragen auch: Darf ich Sie mal schieben?“ Und Schüler, die sie besser kennt, „fahren auch schon mal Rennen mit mir.“

Noch ein Jahr ist Gabriele Gittig im Dienst. Die Aussicht auf Ruhestand weckt allerdings mäßige Begeisterung: „Ohne meine Schule, ohne meine Bertha...? mir wird etwas fehlen.“

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