Im Rollstuhl durch Indien

Andreas Pröve ist erneut unterwegs auf indischen Straßen: Vorn am Rollstuhl ist ein Handbike montiert.
Andreas Pröve ist erneut unterwegs auf indischen Straßen: Vorn am Rollstuhl ist ein Handbike montiert.
Foto: Andreas Pröve (honorafrei für diesen Zweck)
Was wir bereits wissen
Andreas Pröve war in Indien. Zum 14. Mal. Am 11. Januar zeichnet er in der Kreuztaler Stadthalle seinen Weg von Küste zu Küste nach.

Kreuztal..  Mit uns spricht der Abenteurer zuvor über Religion, Verkehr, Menschen und Reisen.

Religion

Andreas Pröve war zwei Monate lang unterwegs. In Mumbai ging es los. Jedes Jahr, immer im Frühling, machen sich Millionen Hindus auf den Weg zu ihren Tempeln. „In Indien wird viel gepilgert“, sagt er. Der Gottheit werden Geschenke gemacht, es werden Feste gefeiert. Die Menschen versuchen, die Götter von der Wichtigkeit ihrer Wünsche zu überzeugen. In einem Tempel beobachtete er an einem Freitagnachmittag, wie Gläubige einer Statue fortwährend etwas ins künstliche Ohr flüsterten. Sein indischer Freund klärte auf: Freitagabends ist in Indien Ziehung der Lottozahlen. Jeder Gläubige gab seine Kombination durch.

Verkehr

Mörderisch ist keineswegs übertrieben. Gemessen an der Anzahl der Fahrzeuge, die auf Indiens Straßen unterwegs sind, sind dort die meisten Todesopfer zu beklagen, erläutert Andreas Pröve. Mit dem Rollstuhl – als 23-Jähriger verunglückte er mit dem Motorrad – sind die alltäglichen Situationen mitunter noch unübersichtlicher, noch gefährlicher. Bürgersteige? Ein Witz. Lastwagenfahrer? Häufig betrunken. „Sie fahren, bis sie umfallen“, erzählt er. Die Fahrzeuge selbst? Meist in einem erbarmungswürdigen Zustand. Einen TÜV gibt es nicht.

Pragmatischer Subkontinent

Pragmatismus ist einen indische Tugend. Wer keine Zeit hat, zu pilgern, kann auch auf anderem Weg seiner Seele Gutes tun. „Der Software-Ingenieur kann es sich nicht leisten, zwei Monate frei zu machen.“ Aber er hat Geld. Er betet zu Hause zu seiner Gottheit. Und zahlt den fälligen Betrag online mit seiner Kreditkarte. Unterwegs sind meist die unteren Kasten, Menschen ohne geregeltes Berufsleben. Menschen, die, wenn sie Andreas Pröve nur flüchtig kennenlernen, nicht so recht wissen, wie sie auf ihn und seinen Rollstuhl reagieren sollen. Viele können nicht verstehen, warum er nicht aufsteht und läuft. Die Medizin, denken sie, sei doch inzwischen soweit, dass niemand mehr im Rollstuhl sitzen müsse.

Dazu muss man wissen: Ein Querschnittsgelähmter im indischen Straßenbild ist in aller Regel arm. Wer im Rollstuhl unterwegs ist, ist in den meisten Fällen ein abgerissener Typ. Wer jedoch Geld hat, kann dafür sorgen, dass er sich nicht vor der Tür blicken lassen muss.

Eine andere Variante nach indischem Verständnis: Andreas Pröve hat schlechtes Karma. In einem früheren Leben muss er etwas derart Schlimmes angestellt haben, dass er nun im Rollstuhl sitzen muss.

Reisen

Andreas Pröve ist kürzlich aus Myanmar zurückgekehrt. „Das Land wird offener“, sagt er. In Indien ist er bereits 14 Mal gewesen. Schuld daran hat sein Erdkundelehrer, vermutet er. „Indien war immer Thema im Unterricht, von Brasilien zum Beispiel weiß ich nichts.“ Seine Frau war noch nie auf dem Subkontinent. Dort will sie nicht hin. „Im Grunde ist es ein furchtbares Land.“ Drei Monate hält er es aus. „Dann muss ich weg.“ Dann ist Schluss. Bis zum nächsten Mal. Das Kastensystem sei schrecklich ungerecht, „mittelalterlich“. Der Umgang mit Frauen ist „brutal unfair, in Rajasthan etwa haben sie ein höllisches Frauenproblem“.

Inzwischen gibt es viel zu wenige. Mädchen werden häufig abgetrieben. Die Kosten für eine Mitgift bei einer Heirat sind exorbitant hoch. Aber es tut sich etwas in der größten Demokratie der Welt. In der Stadt schneller als auf dem Land. „Es egalisiert sich so langsam.“

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