Im Rathaus zerreißen letzte Gesprächsfäden

Netphen..  Netphen ist in Bewegung — im Jubiläumsjahr fast noch mehr als sonst. Oft genug allerdings nimmt der Schatten, den die Problem-Themen werfen, den positiven Entwicklungen jedes Licht.

Rathaus

Das Rathaus als Arena eines zunehmend erbittert geführten Kampfs: Zwischen Bürgermeister Paul Wagener und der in der Regel nach wie vor von CDU, Grünen und FDP gebildeten Ratsmehrheit zerreißt auch der letzte Gesprächsfaden. Erst im März verabschiedet der Rat im zweiten Anlauf den Haushalt — Konfliktpunkt ist die Gewerbesteuer. Beim Stellenplan ist die Neubesetzung des Stadtentwicklungs-Bereichs Zankapfel, aber nur vordergründig. Der Bürgermeister will die Gewichte neu verteilen, dem Beigeordneten Einfluss wegnehmen. Als Heinz-Joachim Hengstenberg ziemlich vergrätzt am Jahresende doch noch vorzeitig geht, vereitelt Paul Wagener die Ausschreibung der Stelle. Die letzte Kapriole zum Jahresende: Der Rat erhöht die Grundsteuer — auf einen Satz, den der Bürgermeister selbst vorgeschlagen, zwischenzeitlich aber wieder zurückgezogen hat.
Bilanz: Alles bleibt, trotz Kommunalwahl, wie immer. Nur schlimmer. Und so wird es weitergehen bis zur Bürgermeisterwahl im September, wie auch immer die dann ausgeht.

Schulen

Nur knapp 56 Prozent der Viertklässler werden zu einer weiterführenden Schule im Stadtgebiet angemeldet — obwohl innerhalb Netphens alle möglichen Schulabschlüsse angeboten werden. Auch die fulminant gestartete Sekundarschule erleidet einen Dämpfer. Die Debatte um einen vierzügigen Ausbau erledigt sich wegen bescheidender Anmeldezahlen vorerst von selbst. Die Schulen hören das Signal, rücken zusammen und werben gemeinsam; am Gymnasium reißen Eckhard Göbel als neuer Schulleiter und Klaus Kettelhoit als neuer Vize das Ruder herum — und machen bei aller kollegialer Zurückhaltung auch keinen Hehl daraus, dass sie das für erforderlich halten.

Abschied genommen haben die Salchendorfer von ihrer Grundschule, der Abrissbagger ist schon bestellt. Im Nachbarort Deuz wird die Grundschule im nächsten Jahr den Hauptschul-Neubau übernehmen — so viel Platz, dass dann auch die Johannland-Grundschule in Hainchen fürchten muss? Unausweichlich, im Zeichen von Inklusion, auch das Aus für die städtische Förderschule auf dem Sterndill. Dass die AWO dort mit einem inklusiven Aus- und Weiterbildungszen­trum einzieht, ist mehr als nur ein Ersatz – ein Gewinn für den Standort Deuz.
Bilanz: Die Stadt reagiert, die Schulen tun, was sie können, um Eltern und Schüler für sich zu gewinnen. Aber ob es nun die nie gegründete Gesamtschule oder die erodierende Grundschullandschaft ist: Fehlentscheidungen, um den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, rächen sich.

Stadtentwicklung

Manchmal braucht es den Blick von außen: Dass Bombardier sich sein Drehgestell-Entwicklungszentrum in Dreis-Tiefenbach gebaut hat und den Standort international aufwertet, spricht für Südwestfalen, für Siegen-Wittgenstein und natürlich auch für Netphen. Die Stadt — den Beinamen „Junge Stadt“ legt sie 14 Jahre nach der Stadtwerdung ab – entwickelt sich: An der Stelle der Susan-Altlast entsteht das eine neue Wohnviertel, auf dem Gelände der früheren Dreis-Tiefenbacher Hauptschule das andere, wenngleich es dort immer noch hakt: Der Investor baut nun doch Eigentumswohnungen, statt den eigentlich dringend benötigten sozialen Wohnungsbau voranzubringen. Noch unvollendet ist das neue Gewerbegebiet Im Bruch: Wenige Grundstücks-Transaktionen fehlen noch, damit die Bau-Firma Demler nach Dreis-Tiefenbach umziehen kann und in Netphen Platz für ein neues Demenz-Servicezentrum und ein weiteres zentrales Wohnquartier wird. Im Netphener Zentrum selbst steht ein großer Umbau an: Rewe-Petz als neuer Eigentümer des Kaufhaus-Komplexes will den Bereich um Talstraße, Post und Hufeisenplatz umkrempeln – mehr Stadt, mehr Geschäfte, weniger Blech. Chancen für die ländlichen Ortsteile verspricht das mit EU-Geld gefüllte Leader-Programm. Wenn Netphen zum Zuge kommt, könnte das Werthetal seine „Wasser-Orte“ ausspielen — ein Projekt übrigens, das sich aus dem Salchendorfer Wassererlebnispfad heraus entwickelt, den die Grundschule dem Dorf vermacht hat.
Bilanz: Netphen auf einem guten Weg.

Freizeit

„Drei-Quellen-Stadt am Rothaarsteig“ : Der Slogan setzt sich durch. Auch wenn Netphen wohl niemals touristisches Top-Ziel wird — wenn von den Investitionen in Kultur und Freizeit die „eigenen“ Bürger profitieren, ist das ja auch kein Fehler. Der Natursteig Sieg wird, als zweiter Fernwanderweg neben dem Rothaarsteig, das Stadtgebiet erreichen. Auf dem einst für einen Hotel-Neubau reservierten Grundstück plant die Freizeitpark GmbH ein (Übernachtungs-)Hüttendorf. Der neue Marktplatz ist ein Schmuckstück für Obernetphen — nicht zuletzt, weil gleichzeitig auch „Wickels Hus“ fertig geworden ist, die ehrenamtlich betriebene Begegnungsstätte, in die der Heimatverein das Haus Spies verwandelt hat. Kultur ist Standortfaktor: Neben dem Kulturforum setzt die Musikschule unter der neuen Leitung von Matthias Merzhäuser einen weiteren professionellen Akzent.
Bilanz: Netphen tut etwas für den Wohlfühlfaktor — nicht zu vergessen der in diesem Jahr erstmals ausgelobte Ehrenamtspreis und das neue Familienbüro. Die Köhlerei als Unesco-Kulturerbe und Beienbach als „Golddorf“ machen richtig stolz.