IG Metall stellt Weichen für die Zukunft

Andree Jorgella (links) übernimmt die Leitung de IG Metall in Siegen von Hartwig Durt (Mitte). 2. ehrenamtlicher Bevollmächtigter bleibt SMS-Betriebsratsvorsitzender Tobias Tigges
Andree Jorgella (links) übernimmt die Leitung de IG Metall in Siegen von Hartwig Durt (Mitte). 2. ehrenamtlicher Bevollmächtigter bleibt SMS-Betriebsratsvorsitzender Tobias Tigges
Foto: WP

Siegen-Wittgenstein..  Einen Blick zurück? Etwas über den Neuen? Hartwig Durt wehrt die Nachfragen ab. Es gehe doch um die Zukunft. Und nicht um Personen, sondern um Inhalte. Trotzdem: Der 1. Bevollmächtigte der IG-Metall-Verwaltungsstelle Siegen — das ist die Amtsbezeichnung der hauptamtlichen Geschäftsführer — verlässt seinen Posten zum 1. Juli und geht für die letzten zwei aktiven Jahre seines Berufslebens nach Frankfurt.

Der Wechsel

Dort in der Vorstandsverwaltung wird er sich um ein Thema kümmern, das — wie der 59-Jährige sagt — „den Schweiß der Edlen“ wert ist: die Stärkung der Tarifbindung in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Neuer Chef des elfköpfigen hauptamtlichen Teams und damit zugleich der erste von 25 200 Metallern im Kreisgebiet wird Andree Jorgella, bisher als Kassierer und Geschäftsführer die Nummer 2 in der Siegener Verwaltungsstelle.

„Das Haus ist bestellt“, sagt Durt, der sich nach fast 30 Jahren als Gewerkschaftssekretär in Siegen, davon zwölf als 1. Bevollmächtigter, auf die neue Perspektive freut. Übrigens nicht als erster: Erst Ende 2015 beendete Detlef Wetzel seine berufliche Laufbahn, die ebenfalls in der Siegener Verwaltungsstelle begonnen hatte, in der Frankfurt IG-Metall-Zentrale – der Kreuztaler war dort sogar Chef.

Die Tarifrunde

Fünf Prozent mehr Entgelt fordert die Gewerkschaft für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie — in dem Bewusstsein, dass die Entwicklung in der Branche auseinandergeht, zwischen der bescheidenen „schwarzen Null“ und stolzen fast 13 Prozent Rendite. „Wir werden für alle Regelungen finden“, verweist Durt auf die Möglichkeit zu besonderen Vereinbarungen mit einzelnen Betrieben. „Der Strauß ist ganz vielfältig und bunt.“ Wichtiges Instrument sind Haustarifverträge in Unternehmen, die sich der Tarifbindung entzogen haben, und besondere Vereinbarungen mit Unternehmen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind. Und mit Firmen, die große Investitionen stemmen wollen: Mitarbeiter leisten ihren Beitrag an Arbeitszeit oder Gehaltsverzicht, der Arbeitgeber sichert den Standort und damit die Arbeitsplätze – ein nicht unüblicher Handel, für den beispielhaft Bombardier in Dreis-Tiefenbach steht.

Wenig beeindruckt zeigt Durt sich indessen von in Aussicht gestellten Betriebsverlagerungen: „Das sind Unternehmen, die keine marktfähigen Produkte haben — wenn Firmen investieren, bleibt auch die Wettbewerbsfähigkeit erhalten.“ Große Sorgen macht sich Andree Jorgella um die Stahlindustrie: Die Überkapazitäten aus China drücken auf den Weltmarkt, der Emissionshandel und die Umlage auf den Stromverbrauch, die nach dem Gesetz für Erneuerbare Energien erhoben wird, belasten die Branche. „Das könnte der Todesstoß für unsere heimische Stahlindustrie werden.“

Die Zukunftsthemen

Das sind Themen der IG Metall für die Zukunft:
Digitalisierung 4.0: „In vielen Unternehmen passiert wenig bis gar nichts“, stellt Hartwig Durt fest. An der Bereitschaft, Produktionsprozesse zu modernisieren, entscheide sich aber die Zukunft. „Da wird die Entgeltfrage fast zur Nebensache.“
Infrastruktur: Da geht es um das Breitband-Internet („Ich habe den Eindruck, dass sich da einiges tut“), um die Verkehrswege und um Gewerbegebiete, vor allem in der Kernstadt Siegen. Das Leimbachtal läuft voll, wenn auch aus Sicht der Gewerkschaft durch Ansiedlungen mit großen Flächenverbrauch und vergleichsweise wenigen Arbeitsplätzen „nicht so gelungen“. Das Gewerbegebiet Oberschelden/Seelbach, so Hartwig Durt, „muss nun dringend kommen“.

Delegierte wählen am 18. Juni

Am 18. Juni wählen die Delegierten den neuen Vorstand der IG Metall in Siegen. Vorgeschlagen wird Andree Jorgella, der seit neun Jahren als Gewerkschaftssekretär in Siegen arbeitet. Der 49-Jährige wohnt mit seiner Familie in Büschergrund, geboren wurde er in Bremen. Vor seinem Wechsel zur Gewerkschaft hat Jorgella den Beruf des Stahlbauschlossers gelernt.

Als 2. Bevollmächtigter wird Tobias Tigges vorgeschlagen — der Betriebsratsvorsitzende der SMS Group nimmt diese Funktion ehrenamtlich wahr.

Gewerkschaft mit starker Vertretung

32 000 Beschäftigte arbeiten im Kreisgebiet in Betrieben im Zuständigkeitsbereich der IG Metall, 29 000 davon in den rund 190 Betrieben, in denen ein Betriebsrat ihre Interessen vertritt. Davon wiederum sind 17 500, also über 60 Prozent, bei der IG Metall organisiert – zehn Prozent mehr als noch vor zwölf Jahren. „Das kann sich im bundesweiten Vergleich sehen lassen“, sagt Hartwig Durt. Die wichtigsten Branchen sind Metall- und Elektro- sowie Eisen- und Stahlindustrie. Darüber hinaus vertritt die IG Metall das Kfz-Handwerk, die Textil- und die Holzindustrie.

125 Jahre besteht die Gewerkschaft in diesem Jahr. In Siegen steigt am 26. Juni ein Familienfest im Schlosspark. Ein Drittel der Mitglieder ist jünger als 35 Jahre.

2,2 Millionen Euro hat die Rechtsschutzsstelle der Siegener IG Metall im vorigen Jahr für die Mitglieder erstritten. 548 Verfahren wurden vor Arbeits- und Sozialgerichten abgeschlossen, in 295 Fällen ganz, in 62 teilweise erfolgreich. Nicht beziffert sind außergerichtlich erzielte Vereinbarungen über Sozialpläne und Abfindungen.