Historiker: Flick ging über Leichen
29.08.2008 | 23:59 Uhr 2008-08-29T23:59:00+0200
Am Schluss wurde auch der Historiker deutlich: „Erstaunlich” sei es, „dass man sich hier immer noch an einen Standpunkt klammert, an dem selbst die Generation der Enkel nicht mehr festhält.” Dr. Harald Wixforth meinte die Enkel der Flicks, der Oetkers, der Neckermanns...
Als Beitrag zur regionalen Vergangenheitsbewältigung bezeichnete der Historiker Dr. Ulrich Opfermann gestern Abend die Befassung mit der Geschichte des „Flick-Konzerns im Dritten Reich”. Dr. Wixforth stellte die gleichnamige wissenschaftliche Untersuchung vor, die er für das Münchner Institut für Zeitgeschichte vorgenommen hat, im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit finanzieller Unterstützung Friedrich Christian Flicks, des Enkels Friedrich Flicks.
Vor dem Hintergrund der seit dem Frühjahr wieder entbrannten Diskussion um das nach Flick benannte städtische Gymnasium fand die Gemeinschaftsveranstaltung von DGB, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung überaus gute Resonanz. Deutlich mehr als 100 Zuhörer fanden sich in der Weißen Villa ein, darunter allerdings nur einige wenige Kommunalpolitiker in Kreuztal. Sie werden im Laufe des Herbstes darüber befinden, ob das Gymnasium weiterhin nach dem Industriellen Friedrich Flick ( 1972) benannt bleiben soll. DGB-Vorsitzender Willi Brase (MdB) betonte, dass es an diesem Abend nicht speziell um die Namensänderung der Schule gehe, sondern darum, „was im Namen Friedrich Flicks zwischen 1933 und 1945 passiert” sei. Bürgermeister Rudolf Biermann übernahm sozusagen die Rolle eines Anwalts des Teufels, als er feststellte, „erfolgreiche Unternehmensführung” sei „nicht verwerflich”. Wixforth erwiderte mit all dem Wissen, was seit der Öffnung der Archive in der ehemaligen DDR, in Polen und in Tschechien zusätzlich verfügbar ist: Flick hat seine 65 000 Zwangsarbeiter so schlecht behandelt wie kein anderer deutscher Unternehmer und überzog dabei sogar in den Augen des Regimes: „Er war bereit, über Leichen zu gehen.” Das Streben nach Profit, so die Erkenntnis, „ließ bei ihm jegliches menschliches Mitgefühl im Keim ersticken.”
Felicitas Mormann, Lehrerin am Flick-Gymnasium, stellte die Frage in den Raum, wie der Träger eines solchen Namens für vorbildhafte Erziehung stehen könne. CDU-Stadtverordneter Werner Irle fragte dagegen, ob denn im Falle der Umbenennung nicht Stadt, Kirchen und Vereine „moralisch verpflichtet” seien , das bei Flick „erbettelte” Geld „mit Zins und Zinseszins” zurückzuzahlen. Und UWG-Stadtverordneter Heinz Bub erinnerte an die Zeit, als er noch bei den von Flick beherrschten Stahlwerken Südwestfalen in Geisweid arbeitete: „Wir sind gut besoldet worden” - erst unter der Führung von Krupp seien Arbeitsplätze vernichtet worden. „Relativierung” warf Martin Gräbener, Kreisvorsitzender der Linken, den Vertretern solcher Positionen vor: Es sei „empörend, dass die Frage einer Rückzahlung überhaupt eine Rolle spielen kann”. Peer Ball-Engelkes, Lehrer an der Clara-Schumann-Gesamtschule, warb als „Zugezogener” dafür, „verstehen zu lernen”, warum Siegerländer die Kritik an Flick schmerze und wie Flick „positive Spuren in ihrer Geschichte” hinterlassen habe. An der Konsequenz ändert das aber nichts: „Meine Generation hat es relativ einfach, ein kaltes Urteil zu fällen”, sagte Ball-Engelkes, „wir müssen es jetzt aber tun.”
Ulrich Opfermann hat auch die Kreuztaler Diskussion von 1988 erlebt - die heutige unterscheide sich „wesentlich”, sagte der Siegener Historiker. Harald Wixforth sezierte beispielhaft auch die Mythen um Friedrich Flick - und fand es „nicht unbillig, eine Umbenennung zumindest massiv und ernsthaft zu diskutieren”. 20 Jahre nach 1988, als Kreuztal seinem Gymnasium den Namen ließ, während die Stadt Bielefeld ihre Kaselowsky-Halle (August Oetkers Stiefvater gehörte zum Freundeskreis des SS-Reichsführers) zur städtischen Kunsthalle machte. „Wir haben einen wichtigen Abend erlebt”, ahnte Werner Stettner.
15:37
Ich finde diese weitere öffentliche Debatte in der Sache wichtig. Felicitas MORMANN zeigt unmissverständlich auf, worum es geht: Der Name einer Schule steht immer auch für ihre Identität! Steht Flick mit seiner erwiesenen herausragenden Schuld im Dritten Reich, aber auch mit seinem späteren Leben für Werte, die in der Erziehung unserer Kinder beispielhaft sind?
Die potenzielle Verpflichtung zur Rückzahlung des Stiftungsgeldes ist indessen kein tragfähiges Argument gegen eine Umbenennung. Natürlich geht es immer auch um die finanziellen Perspektiven einer Stadt. Das darf aber nicht so weit gehen, dass sie den Eindruck erweckt, käuflich zu sein.
Derzeit ist die Frage nach einer Rückzahlugnsverpflichtung m. E. noch nicht abschließend beantwortet. Selbst wenn sie juristisch unbestritten wäre: Möglicherweise verzichten ja die Erben im Falle einer Umbenennung des Gymnasiums auf das Geld. Schließlich war ja über die Jahrzehnte auch für sie mit dem Schulnamen eine Imageverbesserung verbunden. Falls aber eine Rückzahlung notwendig würde, könnte diese ja eventell über viele Jahre in Raten erfolgen. Vielleicht über einen genau so langen Zeitraum, wie die Schule den Namen Friedrich Flicks trug?
Es geht um eine fundierte Entscheidung, die möglichst durch die Bevölkerung selbst unmittelbar getroffen werden sollte!
Nur wer sich einer solchen Debatte verschließen will - wie der CDU-Fraktionsvorsitzende Werner MÜLLER laut WR-Bericht v. 22.02.2008 dies im Rat wollte (URL: www.derewsten.de, RZ 30.08.08) - liegt in dieser Frage eindeutig falsch!