Hilchenbach holt Geschichte in die Gegenwart

Hilchenbach..  „Es ist egal, wer einlädt“, sagt Pfarrer Rüdiger Schnurr, „es kommt darauf an, wer gekommen ist.“ Die Initiative, anderthalb Jahre nach dem Setzen des Gedenksteins für die jüdischen Opfer des Holocaust dort am 27. Januar zusammenzukommen, hatte der SPD-Ortsverein ergriffen. Gekommen waren viele – auch Vertreter aus allen Ratsfraktionen, der Bürgermeister und seine Stellvertreter.

Stolpersteine geschändet

Die Kirche schützt an diesem nasskalten Nachmittag vor dem Wetter. Nach draußen geht die große Versammlung erst zum Abschluss, als Betty Roth und Katrin Fey den Kranz niederlegen. Drinnen hat der Siegener Vorwärts-Chor zuvor das Lied von den Moorsoldaten gesungen, Neunt- und Zehntklässler der Carl-Kraemer-Realschule haben aus Tagebüchern von Überlebenden vorgetragen – zwei von ihnen in nachempfundener Häftlingskleidung. Lehrer Soufien Nafati hat ihnen mit dem Edding eine Nummer aufs Handgelenk geschrieben. Die lässt sich wieder abwaschen — anderes nicht.

Das Erbe zum Beispiel, das der Redner zuvor angesprochen hat: der Holocaust, der auch die folgenden Generationen verbindet. „Wir können nichts dafür und müssen irgendwie damit leben“, sagt er. Und schlägt den Bogen zur Gegenwart. Wer Juden hasst, hasst Menschen: Denn Kern des Menschseins ist das Anderssein. „Machen wir uns keine Illusionen“, sagt der Mann, dessen Großvater das KZ überlebt hat, dessen Familie aus Ungarn nach Israel übergesiedelt ist und der heute, dank des Jugendaustauschs der Partnerkreise Siegen-Wittgenstein und Emek Hefer, mit einer Siegenerin verheiratet ist und in Siegen lebt. Seinen Namen möchte er nicht gedruckt sehen. Er hat Angst, wieder. Und er erklärt nachvollziehbar auch, warum.

Pfarrer Rüdiger Schnurr zitiert seine Worte, die er bei der Enthüllung des Gedenksteins gesprochen hat. Dafür, dass er Versäumnisse und Irrwege seiner Kirche im Nazi-Regime kritisiert habe, sei er heftig kritisiert worden. „Diese Art von Wehleidigkeit von Leuten, die nur auf sich selbst schauen, trägt dazu bei, dass die Würde der Opfer geschmälert wird.“ Schnurr vergleicht die Demütigung der Juden, mit denen ihre Verfolgung begann, mit Diskriminierungen, die heute vor Asylheimen oder auf Schulhöfen passieren. „Und immer wieder werden Opfer in die Anonymität gestoßen.“ In Hilchenbach hat jemand die Namen auf den Stolpersteinen geschwärzt. Gedemütigt über den Tod hinaus.