Hier hütet die Stadt Rindviecher

Hinter der Baumgruppe, an der Verbindungsstraße nach Unglinghausen, beginnt die 24 Hektar große Viehweide, die die Haubergsgenossen 1917 der Gemeinde überlassen haben — und nun wieder zurückhaben wollen.Foto:Steffen Schwab
Hinter der Baumgruppe, an der Verbindungsstraße nach Unglinghausen, beginnt die 24 Hektar große Viehweide, die die Haubergsgenossen 1917 der Gemeinde überlassen haben — und nun wieder zurückhaben wollen.Foto:Steffen Schwab
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Herzhausen..  Die Geschichte bietet Anlass zu Wortspielen. Dass die Stadt Netphen sich Rindviecher hält, zum Beispiel. Oder dass es in Herzhausen keine Rindviecher gibt, zumindest keine vierbeinigen. Beschrieben wird damit der Umstand, dass die Stadt Netphen Viehweiden besitzt — und die in Herzhausen Diskussionsstoff bieten. Hinter den Kulissen seit einem Dreivierteljahr. Auf offener Bühne seit dieser Woche.

In Fraktur gedruckt ist das Formular, in Sütterlinschrift von Hand ausgefüllt und unter dem Aktenzeichen H 745 im Stadtarchiv versenkt: der „Rezeß über die Hütungsablösungssache Herzhausen“, unterschrieben am 15. August 1917, bestätigt am 23. Juni 1919. Darin werden den „Eingesessenen von Herzhausen“ — ausdrücklich ausgeschlossen sind die Besitzer von Hof Maustal und Hof Buchen — ihre Hütungsrechte abgenommen.

Weideaufseher im Dienst der Stadt

Bis dahin durften sie Schafe und Rinder in den Haubergen des Orts hüten lassen. Ein Hirte bekam 120 Mark dafür, dass er sich von Ende März bis Ende September um das Vieh kümmerte. Alle 18 Jahre wurde ein Hauberg abgetrieben, sechs Jahre danach stand er als Weide für Rinder, zwei Jahre früher für Schafe zur Verfügung. Um die Weiden aus dem Hauberg herauszubekommen, vereinbarten die Genossenschaften mit der Gemeinde den Rezeß: 24 Hektar Weidekampen zwischen Herz- und Unglinghausen überließen sie der Gemeinde, die fortan dort eine Viehweide für die „Gemeindemitglieder“ betreiben sollte.

Im Mai vorigen Jahres meldete sich die Waldgenossenschaft Herzhausen, Komplex A, im Rathaus: Wie überhaupt die Weide heute genutzt werde, wollte sie wissen — mit dem Verdacht, dass die Bestimmungen von 1917 wohl nicht mehr eingehalten werden. Die 50 bis 55 Rindviecher, die ihre Sommer auf dem Weidekampen verbringen, stammen nämlich nicht aus Herzhäuser Ställen. Sie kommen aus Netphen und der näheren Umgebung, zum Teil auch aus Volnsberg und Breitenbach, bestätigt Bernd Schönling, Leiter des städtischen Immobilienservice.

Jedes Jahr, von April bis Oktober, nimmt die Stadt einen Landwirt aus Herzhausen, der inzwischen Rentner ist, als Weideaufseher unter Vertrag. Er ist für das Düngen und Kalken der Weide zuständig und repariert bei Bedarf die Zäune. Im Rathaus werden die zehnstelligen Zahlencodes von den Ohrmarken der Tiere erfasst und an die Landwirtschaftskammer gemeldet. „Die Stadt ist dann der Tierhalter“, sagt Bernd Schönling, „wir unterliegen auch der Aufsicht des Veterinäramts.“ 17,50 Euro Weidegeld pro Tier und Monat nimmt die Stadt ein, unter dem Strich bleibt ein jährlicher Gewinn von 3500 Euro.

Kommunalaufsicht mischt auch mit

Damit soll nun Schluss sein. Nach verschiedenen Anläufen in früheren Jahren boten die Waldgenossen an, die Fläche zum Preis von rund 134 000 Euro zurückzukaufen. Die Stadt lehnte ab, daraufhin verlangte die Waldgenossenschaft die Rückübertragung des Grundstücks. Die Kommunalaufsicht machte die Stadt derweil darauf aufmerksam, ,, dass der Rezess, also der vertragliche Vergleich, gilt. „Nur weil das hundert Jahre her ist, heißt das ja nicht, dass die Leute damals nicht nach Recht und Gesetz gehandelt haben“, sagt Bernd Schönling.

Dem Hauptausschuss hat die Verwaltung jetzt eine Änderung des Rezesses — heute wäre das eine Satzung – vorgeschlagen: „Der Rat der Stadt Netphen (...) hat jedoch das Recht, auch anderen Viehhaltern die Nutzung des Weidekamps (...) zu gestatten.“ Diese sollten dafür dann Weidegeld bezahlen, wie es bisher auch schon erhoben wird: erhöht auf 20 Euro je Rind und 10 Euro je Kalb. Die Politik spielt nicht mit: Noch einmal soll die Verwaltung prüfen, ob die Stadt die 24 Hektar nicht einfach zurückgeben muss. „Das Gelände hat uns ja nichts gekostet“, sagte Bernhard Jüngst (CDU).

Die Prüfung wird ihre Zeit brauchen. Die Rindviecher muss das nicht scheren — Bürgermeister Paul Wagener ist entschlossen, auch auswärtige Gäste da weiden zu lassen, wo die Vorfahren von 1917 noch nicht einmal Vierbeiner aus den Ställen von Hof Buchen und Hof Maustal kurz hinter dem Ortsausgang dulden wollten: „An der Nutzung wird sich bis auf Weiters nichts ändern.“

Viehweiden in städtischem Besitz

Auch in anderen Dörfern haben Waldbesitzer Huderechte abgelöst, indem sie der Gemeinde eine Weide für alle Einwohner zur Verfügung stellten. Die Rechte sind nach der Neugliederung an die Stadt übergegangen.

Weidekämpe gibt es zum Beispiel auch in Afholderbach, Grissenbach und Frohnhausen. Nicht überall ist die Stadt auch Viehhalter. Einzelne Weiden, zum Beispiel in Grissenbach, wurden einfach verpachtet.