Heroindeal in Weidenau wird zum „Inkassofall“

Die Verkäuferin der Drogen hat sich am Morgen mit einem Zettel an der Gerichtspforte „entschuldigen“ lassen.
Die Verkäuferin der Drogen hat sich am Morgen mit einem Zettel an der Gerichtspforte „entschuldigen“ lassen.
Foto: Tobias Schürmann
  • Zwei Männer sollen einen jungen Mann am Bahnhof in Weidenau bedroht und erpresst haben
  • Das vermeintliche Opfer soll von einer Frau Heroin geschenkt bekommen haben
  • Vor Gericht verweigert der junge Mann jede Aussage

Siegen..  Ziemlich pünktlich kurz nach 9 Uhr beginnt das Verfahren, um 11.10 Uhr fällt das Urteil im Schöffengericht. Tatsächlich verhandelt wird aber nicht einmal 30 Minuten. Es gibt viel Wartezeit und Frust, am Ende einen Freispruch und viele genervte Mienen.

Aus der JVA in den Gerichtssaal

Dabei ist der Sachverhalt nach der Anklageschrift gar nicht kompliziert. Die beiden potenziellen Übeltäter Rene M. (39) und Olaf S. (47) sollen am 7. Juli 2015 am Weidenauer Bahnhof einen Dritten bedroht und erpresst haben. P., das 25-jährige vermeintliche Opfer, hatte angeblich einige Wochen zuvor von einer Bekannten Heroin bekommen und nicht bezahlt. Der 25-Jährige ging davon aus, es sei ein Geschenk gewesen. 20 Euro verlangte die Bekannte jedoch. Das Geld sollen die beiden Angeklagten eintreiben, sie sollen ihn daher bedroht und eine Umhängetasche abgenommen haben. Diese Einzelheiten gab der Geschädigte vor Ort bei der Polizei an.

Das erste Problem am Morgen der Verhandlung: P. ist nicht gekommen. Die Gerichtsverwaltung hat eine Information seines Rechtsbeistands nicht weitergeleitet, dass der Zeuge bereits seit längerem in der JVA Attendorn einsitzt. Nach ein paar Telefonaten erreicht Amtsrichter Uwe Stark, dass P. kurz nach 10 Uhr in Siegen sein soll. Die Angeklagten machen derweil keine Aussagen, wollen erst einmal die Einlassung des Zeugen abwarten.
10.20 Uhr: Der Zeuge ist da, hat aber nicht, wie geplant, mit seinem Anwalt sprechen können. Stark schickt die beiden ins Beratungszimmer.
10.45 Uhr: P. sitzt im Zeugenstand und wiederholt pausenlos, kein Interesse an einer Strafverfolgung der Angeklagten zu haben. Das Telefongespräch mit dem Staatsanwalt könne gar nicht verwertet werden, weiter sage er nichts. Sein Anwalt deutet an, sein Mandant werde „tendenziell lieber gar nichts sagen, um sich wegen der Drogen nicht selbst zu belasten“. Richter Stark versucht, die Aussage auf die Wegnahme und Beschädigung der Umhängetasche zu lenken, „das ist ganz einfach, da können Sie sich nicht belasten“. P. blockt ab: „Sie können mich nicht zwingen. Ich sitze schon!“ „Das kann ich noch verschärfen“, wird Stark ärgerlich und droht mit Beugehaft. Vergeblich. Immerhin habe der damalige Staatsanwalt nach dem Telefongespräch zwei Seiten Vermerk und dann eine Anklage geschrieben.

Der Zeuge wird wieder ins Auto gesetzt und zurück in die JVA Attendorn gebracht.

Dealerin erscheint nicht

Stark findet das Verhalten des Zeugen „einfach nur zum Kotzen“. Die Verkäuferin des Heroins und mutmaßliche Anstifterin des „Inkassovorgangs“ hat zwischenzeitlich einen Zettel an der Gerichtspforte abgegeben. Darin erklärt die Frau, sie müsse ihr Kind zum Arzt bringen und werde wohl keine Zeit für die Verhandlung haben. Sie bekommt ein Ordnungsgeld aufgebrummt.
11.10 Uhr: Die beiden Angeklagten kommen mit einem Freispruch davon. Richter Uwe Stark bedauert noch, die jetzt der Staatskasse zur Last fallenden Kosten nicht dem P. aufbrummen zu können.

Folgen Sie uns auch auf Facebook.