Händchenhalten auch mit Handicap

Auf den ersten Blick nichts Besonderes: Doch die Bank, die soeben von Bürgermeister, Barriere-Räumern und Bären enthüllt worden ist, hat eine Sitzfläche mit Lücke — und die hat gerade die Dame mit Rollstuhl belegt.
Auf den ersten Blick nichts Besonderes: Doch die Bank, die soeben von Bürgermeister, Barriere-Räumern und Bären enthüllt worden ist, hat eine Sitzfläche mit Lücke — und die hat gerade die Dame mit Rollstuhl belegt.
Foto: WP

Hilchenbach..  Eva Konieczny tritt den Beweis an. Frauen können rückwärts einparken. Sie ist sogar etwas schneller als Heinrich Honerkamp in der Lücke, die in der Sitzfläche dieser ungewöhnlichen Ruhebank ausgespart ist. Was aber auch ihrem kleineren, wendigeren Rollstuhl geschuldet sein mag. Die Stadt Hilchenbach hat ihre erste barrierefreie Bank. „Da kann man jetzt sogar Händchen halten“, lacht Eva Konieczny.

Nicht außen vor, sondern mittendrin

Das Publikum ist groß, als Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab an der Schleife aus Flatterband zieht, die die Plastikumhüllung der neuen Bank festhält. „Eine gute Idee“, findet Hasenstab. „Und ein Novum für Hilchenbach.“ Nicht nur: Die Mitglieder des ehrenamtlichen Arbeitskreises Barrierefreiheit haben solche besonderen Ruhebänke, in denen Rollstuhlfahrende Schulter an Schulter mit Fußgehern rasten können, weit und breit noch nicht gesehen.

Die Gebrauchsanweisung für den kleinen Rastplatz am Preisterbach, direkt hinter dem Gerberpark und unweit des Zebrastreifens über die Rothenberger Straße zum Markt, besteht aus zwei Piktogrammen: ein Rollstuhl- und ein Kinderwagen-Symbol. Denn die barrierefreie Bank ist zugleich auch „generationenübergreifend“, wie der Bürgermeister betont. Dass Rollatoren hier genauso Platz finden, versteht sich.

Wer den ausgesparten Stellplatz mit Lehne in Anspruch nimmt, weil er seine Sitzgelegenheit selbst mitbringt, bekommt einen Platz im Zentrum des Geschehens und nicht neben der Bank, wo allzuoft auch noch der Papierkorb im Wege steht. „Man ist nicht außen vor, sondern mittendrin im Geschehen“, sagt Gudrun Roth, Beauftragte der Stadt für bürgerschaftliches Engagement. Und das genau entspricht dem Programm des Arbeitskreises, der vor sieben Jahren aus der städtischen Demografie-Initiative hervorgegangen ist.

Dass die Attraktion geschaffen werden konnte, verdanken die Hilchenbacher vielen Unterstützern: dem Arbeitskreis Barrierefreiheit, der mit Aktionen wie „Tausch doch mal“ (mit einem Mitbürger mit Handicap) nebenbei auch ein paar Euro eingespielt hat. André Deutenbach und Werner Feldmann vom Baubetriebshof, die die Bank montiert und die Anlage gepflastert haben. Dem Tourismus- und Kneippverein, der den Papierkorb in der zur Bank passenden roten Farbe angestrichen hat. Vor allem aber, neben weiteren Sponsoren, der Helberhäuser Bärengruppe.

Monumentale Bärengruppe

Die Bären haben im vorigen Jahr den Erlös ihres Neujahrsumzugs an die Barrieren-Abräumer gespendet haben — 1000 von 1400 Euro, die das Projekt insgesamt gekostet hat. Ihr Engagement ist auf der Sponsorentafel dokumentiert, die an einem Findling angebracht ist. Auch dieses Monument wird vom Bürgermeister enthüllt.

Einmal im Monat trifft sich die Arbeitsgruppe, die auch für die Bank ins Detail gegangen ist: Die Farbe war wichtig, damit sie auch von Menschen mit Sehbehinderung wahrgenommen werden kann. Und der Standort — eben nicht da, wo es bloß „schön“ ist. Sondern an Stellen, wo im Alltag zurückgelegte Wege so lang sind, dass es einer Raststation bedarf. Deswegen haben Angehörige von Gehbehinderten im vorigen Jahr die Ruhebank direkt an der Ecke Ferndorf-/Rothenberger Straße angeregt, auf halber Strecke zwischen Klinik und Stadt. Und deswegen steht die neue Bank da, wo sie ist: auf der Achse zwischen Seniorenzentrum und Markt.

„Ich bin mal gespannt, wann die ersten Anrufe kommen“, lacht Petra Melchert — ob der fehlende Sitz wohl ein Schildbürgerstreich sei. Die Hilchenbacher Senioren versammeln sich an diesem Nachmittag noch an ihren angestammten Plätzen in der Gerberpark-Passage; angesichts des großen Andrangs hätten sie jetzt auch noch gar keine Chance auf den Platz in der Sonne. Die Mitglieder des Arbeitskreises ziehen weiter, heute ausnahmsweise in die Wilhelmsburg. Im Rathaus ist der Aufzug gesperrt. Er wird modernisiert. Barrierefrei.

Experten in eigener Sache haben noch viel vor

Der Arbeitskreis Barrierefreiheit trifft sich an jedem dritten Dienstag eines Monats um 18.30 Uhr im Rathaus. „Jeder ist herzlich eingeladen“, sagt Gudrun Roth — besonders natürlich die „Experten in eigener Sache“.

Einen Stadtplan mit barrierefreien Wegen hat die Gruppe bereits herausgeben, ebenso ein Gastronomieverzeichnis mit Blick auf das, was für Menschen mit körperlichen Einschränkungen wichtig ist. Ein Führer durch die Einkaufslandschaft ist in Arbeit.

Weiteres Projekt wird eine Fotoausstellung, möglicherweise im Herbst dieses Jahres.