Gymnasialdirektoren machen sich Sorgen um hohe Schülerzahlen

Rüdiger Käuser, Vorsitzender Westfälisch-Lippische Direktorenvereinigung
Rüdiger Käuser, Vorsitzender Westfälisch-Lippische Direktorenvereinigung
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Was wir bereits wissen
Mehr als 40 Prozent der Grundschulabgänger wechseln aufs Gymnasium. Der Siegener Schulleiter Rüdiger Käuser hält dies für Fluch und Segen zugleich.

Siegen.. Es herrscht ein regelrechter Run auf das Gymnasium. Mehr als 40 Prozent der Grundschulabgänger wechseln dorthin, am Ende der Schullaufbahn schließen mehr als 60 Prozent mit dem Abitur ab. Rüdiger Käuser, Schulleiter des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums in Siegen und Vorsitzender der Westfälisch-Lippischen Direktorenvereinigung, spricht von „Fluch und Segen“ dieser hohen Zahlen. Ein Segen – weil solcher Zuspruch ja für hohe Bildungsabschlüsse und eine gesicherte Schulform spricht. Ein Fluch — weil ausgerechnet diese Zahlen für manchen Gymnasialstandort existenzbedrohend sind.

„Eine Schule mit Zukunft?“: Das ist das Thema, mit dem sich die Jahreshauptversammlung der Westfälisch-Lippischen Direktorenvereinigung am 22. Januar in Bochum befassen wird. Warum das Fragezeichen hinter dem Titel?

Weil eigentlich auch hinter dem Schulkonsens in Nordrhein-Westfalen, der das gegliederte Schulsystem (Gymnasium, Realschule, Hauptschule) gleichberechtigt neben dem integrierten System (Gesamtschule, Sekundarschule) sieht, ein Fragezeichen steht. Zumindest aus der Sicht der Direktorenvereinigung, deren Vorsitzender Rüdiger Käuser seit 2009 ist. Ein Gymnasium, so die Kurzfassung, funktioniert nur dort, wo es auch noch andere weiterführende Schulen gibt, wo ein Übergang auf andere Schulformen möglich ist — weil sonst das Gymnasium die Aufgaben der fehlenden Schulformen automatisch mitübernimmt.

Was ist denn dagegen zu sagen, dass möglichst viele Kinder Abitur machen?

Nichts. „Ein hohes Bildungsniveau für möglichst viele Menschen ist sicher wünschenswert“, sagt Rüdiger Käuser. Andererseits: „Nicht jeder geht in einen Beruf, für den er unbedingt das Abitur braucht.“ Vor allem aber: Nicht jedes Kind, das am Gymnasium startet, schafft auch den Abschluss. Manches Kind wird sogar schon gegen die Empfehlung der Grundschule am Gymnasium angemeldet, denn in NRW zählt allein der Elternwille bei der Wahl der weiterführenden Schule. Nein sagen dürfen die nicht: Dass der Elternwille bei der Schulformwahl den Ausschlag gebe, sei „politisch so entschieden“, sagt Käuser. Da Gymnasien aber nicht — wie Gesamt- und Sekundarschulen bei Übernachfrage – nach Leistungsniveaus differenzieren dürfen, ist den Gymnasialdirektoren ihr Entscheidungs-Recht am Ende der 6. Klasse um so wichtiger. „Wir müssen die Möglichkeit haben, eine verbindliche Schulformempfehlung am Ende der Klasse 6 auszusprechen.“ In den Jahrgängen darüber erfolge ein Schulformwechsel nur dann, wenn die Eltern nach intensiver Beratung und bei zur Verfügung stehenden Ressourcen an anderen Schulen dazu einwilligen, erinnert Käuser.

Wo gehen Kinder hin, die das Gymnasium nach der 6. Klasse verlassen müssen?

Eben. „Das funktioniert nur, wenn noch eine andere Schule da ist, die sie aufnehmen kann“, stellt Rüdiger Käuser fest. Je kleiner die Jahrgänge sind, desto schwieriger wird es besonders im ländlichen Raum, neben dem Gymnasium eine zweite oder gar dritte weiterführende Schule im Ort zu halten. Da werde interkommunale Zusammenarbeit gefragt sein, da werden die Gymnasien selbst schauen müssen, ob eine Realschule in der Nachbarstadt einspringen kann. Denn die Sekundar- oder Gesamtschule in derselben Stadt muss die vom Gymnasium „abgeschulten“ Kinder nicht aufnehmen. Oft kann sie es auch gar nicht, weil schon die Jahrgänge bereits mit randvollen Klassen gestartet sind.

G-8-Abi auf dem Gymnasium, G-9-Abi über alle anderen Schulformen — hat das die Alternativen nicht geklärt?

„Nicht die Schulleiter wollten G 8, sondern die Politik mit breitem Konsens“, betont Rüdiger Käuser. Dass die Schulzeitverkürzung „trotz der grottenschlechten Einführung überhaupt gelungen ist“, sei dem „Erfindungsreichtum und der hohen Belastbarkeit der Schulen zu verdanken“. Sicher biete die Wahlmöglichkeit, die Sekundarstufe 1 in fünf oder sechs Jahren zu absolvieren, für das Gymnasium die Chance, „eine besondere Schulform zu werden“. Aber auch nur da, wo die Schülerzahlen für beide Alternativen reichen. Andererseits sei es den Gesamtschulen verwehrt, ausschließlich Schüler mit Haupt- oder Realschulempfehlung aufzunehmen — sie brauchen für die Leistungsdifferenzierung und besonders für eine tragfähige Oberstufe auch einen Teil „Gymnasiasten“ in jedem Jahrgang. Wenn es sich die Schüler aussuchen dürfte, würde aber auch das Gymnasium die Entscheidung „nicht nur an schulischen Leistungen festmachen“.

Welchen Ausweg aus der Klemme, in der sie sich selbst sehen, würden denn die Gymnasialdirektoren wählen?

Rüdiger Käuser nennt das „Übergangsmanagement“ und meint die Zusammenarbeit von Grundschulen und weiterführenden Schulen — so, wie es in Netphen sogar schon einmal vertraglich vereinbart war. „Das ist eine der Kernbaustellen, die seit Jahren und Jahrzehnten nicht wirklich angegangen wird.“ Wenn die Schulen von Primar- und Sekundarstufe genau voneinander wissen, was die Kinder mitbringen und was von ihnen erwartet wird, könnte zweierlei passieren: Die Eltern nehmen den Rat der Grundschulen an („Die Kinder, die nach der 6 abgehen, sind in der Regel die, bei denen das die Grundschulgutachten ­vorausgesehen haben“), oder der Übergang läuft so gut, dass Kinder den bestmöglichen Einstieg in die neue Schulform finden — und eben nicht scheitern. Käuser wirbt um mehr Aufmerksamkeit für die Grundschulen, die Gesamtschulen für die Jüngsten, in ihren Erfahrungen bei Inklusion und Integration von Migranten den weiterführenden Schulen voraus sind: „Die machen einen verdammt guten Job.“

Und wenn es trotzdem passiert, dass das Gymnasium als letzte weiterführende Schule am Ort übrig bleibt?

„Das würde bedeuten, dass das Gymnasium keine qualitative Daseinsfunktion mehr hat“, sagt Rüdiger Käuser. Treffen werde das „insbesondere den ländlichen Raum“, fürchtet der Vorsitzende der Direktorenvereinigung. „Dort wird man den einen oder anderen Standort aufgeben müssen“ — dann eben zugunsten einer Sekundar- oder Gesamtschule, die alle Schullaufbahnen ermöglicht. „Zum Wohle des Kindes.“ Die Entscheidung darüber werde von der Kommunalpolitik zu treffen sein.