Gleichstellung per Sprach-Akrobatik

Detlef Rujanski  ist seit 1993 Geschäftsführer des Studentenwerks der Universität Siegen.
Detlef Rujanski ist seit 1993 Geschäftsführer des Studentenwerks der Universität Siegen.
Foto: Universität Siegen, Presse- und Kommunikationsstelle
Was wir bereits wissen
Düsseldorf verfügt: Studentenwerke müssen künftig Studierendenwerke heißen. Vor Ort regt sich Protest.

Hagen/Siegen.. Nein, das ist kein Karnevalsscherz-Zombie, der am Aschermittwoch das Sterben vergessen hat. Die meinen das ernst. Die rot-grüne Landtagsmehrheit hat das Gesetz bereits im vergangenen Herbst beschlossen, lange vor dem Elften im Elften: Die Studentenwerke werden abgeschafft. Stattdessen soll es künftig Studierendenwerke geben.

Die Begründung des Wissenschaftsministeriums: „Die sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter ist für eine erfolgreiche Gleichstellung bedeutsam.“ Detlef Rujanski, Geschäftsführer des Studentenwerks Siegen, ist da skeptisch: „Wir bieten 1000 Wohnheimplätze, wir haben täglich 1000 Besucher in der Mensa, und wir betreuen 4000 Bafög-Bezieher, aber ich habe noch von keiner jungen Dame gehört, dass sie sich durch unseren Namen diskriminiert fühlt.“

Die meisten seiner Kollegen in NRW sehen das ähnlich. Umbenannt hat sich bisher lediglich das Studentenwerk der Uni Duisburg/Essen - widerwillig. In Wuppertal und Bochum kann es bei den bisherigen Namen Hochschul Sozialwerk und Akademisches Förderungswerk bleiben. In Köln, Aachen, Bielefeld und Paderborn regt sich Widerstand. Und das Studentenwerk Dortmund, das auch die Fachhochschule Südwestfalen und die Fernuni Hagen betreut, hat sich den Namen jetzt noch einmal per Satzung gegeben. Dass Düsseldorf das durchgehen lässt, ist unwahrscheinlich.

Und in Siegen: Revolte? „Der Verwaltungsrat wird sich voraussichtlich im ersten Halbjahr 2015 mit dem Thema befassen“, sagt Rujanski. Sollte er eine Namensänderung beschließen, werden wir uns im zweiten Halbjahr an die Planung machen und 2016 die Voraussetzungen schaffen, damit die Änderung bis 2017 umgesetzt werden kann.“ Er wartet also ab. Und kann deshalb auch nicht beziffern, was eine Umbenennung kosten würde. Aber ein paar Gedanken dazu hat sich der seit mehr als 20 Jahren amtierende Studentenwerks-Geschäftsführer schon gemacht: „Wir haben Studentenwohnheime in Hochhäusern. Wenn man da ein neues Schild anbringen will, muss man erst ein Gerüst aufbauen. Wir haben Lkw mit integriertem Logo. Da kann man nicht einfach drüberpinseln.“

Mehrere Hunderttausend Euro

Helga Fels vom Studentenwerk Bielefeld ist seit 1997 Referentin der Arbeitsgemeinschaft der Studentenwerke in NRW. Sie rechnet für Bielefeld mit Kosten von 40.000 Euro und für ganz NRW mit mehreren Hunderttausend Euro. In Baden-Württemberg, wo Grün-Rot die Umbenennung schon im vergangenen Jahr durchgesetzt hat, werden die Kosten für acht Studentenwerke auf mehr als 600 000 Euro geschätzt. Auf NRW mit seinen zwölf Studentenwerken käme dann ein noch höherer Betrag zu. Bezahlen müssten dafür auch die Studenten mit ihren Sozialbeiträgen.

Detlef Rujanski stört sich aber auch am Stil des Düsseldorfer Vorgehens: „Man sollte nicht von oben herab durchregieren, ohne mit uns gesprochen zu haben. Eine Anstalt öffentlichen Rechts sollte selbst entscheiden dürfen, welchen Namen sie sich geben möchte.“ Den dahinterliegenden Gedanken kann der Siegener schon verstehen: „Man will über Sprache die Gleichberechtigung vorantreiben.“ Aber er kann in Siegen kein Problem erkennen, das damit gelöst werden müsste. Er bezweifelt, dass die Realität sich durch eine Umbenennung ändere.

Das Problem mit der Grammatik

Ein Problem wird außerdem noch neu geschaffen, wenn der Begriff Studierende den der Studenten ersetzt: ein sprachlich-grammatikalisches. Das Partizip präsens bezeichnet etwas, das man im Moment gerade tut, eine Handlung in der Gegenwart, keinen Status oder eine gesellschaftliche Gruppe. Studierende können also in der Vorlesung oder in der Bibliothek sitzen, in der Mensa und im Wohnheim handelt es sich dagegen um Studentinnen und Studenten, kurz: Studenten. Aber das widerspricht der gerade in der Wissenschaft hochgehaltenen Gender-Gerechtigkeit, die in Leipzig schon so weit getrieben wurde, dass nur noch von Professorinnen die Rede ist, auch wenn sie männlich sind.

Rujanski fragt angesichts der ganzen Debatte etwas genervt: „Gibt es wirklich keine wichtigeren Probleme?“