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Geschichte vor der eigenen Tür

08.09.2010 | 19:06 Uhr
Geschichte vor der eigenen Tür
Ausstellung Stolpersteine in der Wilhelmsburg; Stadtarchivar Reinhard Gämlich, Kulturausschussvorsitzende Marianne Feindler-Jungbluth, Klaus Merklein (Aktives Museum) v.l.

Hilchenbach.Stolpersteine, in den Fußweg eingelassen, da, wo sie ihre letzte frei gewählte Wohnung hatten, erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. „Um sie lesen zu können, muss man sich verbeugen“, stellt Hilchenbachs Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab fest.

In Hilchenbach und Siegen, Bad Berleburg und Bad Laasphe. An insgesamt 152 Stellen im Kreisgebiet – und es werden mehr.

„Erinnern im öffentlichen Raum“ ist das Thema einer Ausstellung, die im Aktiven Museum entstanden und nun in der Hilchenbacher Wilhelmsburg angekommen ist. Klaus Merklein, Lehrer aus Wilnsdorf und Vorstand des Aktiven Museums, führte in das Projekt des Kölner Künstler Gunter Demnig ein, das 1993 aus einer Verlegenheit heraus entstand: Hausbesitzer widersetzten sich, als an ihren Häusern Gedenktafeln für die früheren jüdischen Bewohner angebracht werden sollten. Der Gehweg ist öffentlich – 25 000-fach erinnern die zehn Mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln dort an den Massenmord. „Persönlicher Zugang zur Vergangenheit macht Erinnerung erst möglich.“

Dazu tragen in der Hilchenbacher Ausstellung auch Texte und Bilder bei, die den Namen auf den Steinen Gesicht und Geschichte geben, außerdem Erinnerungsstücke aus dem Aktiven Museum – unter anderem Briefe aus dem KZ Sachsenhausen: „Es friert einen, wenn man das liest“, bekennt Klaus Dietermann, Mitbegründer des Aktiven Museums.

Reinhard Gämlich, der Hilchenbacher Archivar und Museumsleiter, hat einen Koffer ausgestellt: Else Waldmann hat ihn hinterlassen; sie kam aus Breslau ins Siegerland. Ihr Mann, ein jüdischer Rechtsanwalt hatte sich das Leben genommen – in dem Irrglauben, seine Frau sei bei einem Luftangriff umgekommen. Elisabeth Beljatschitz, pensionierte Lehrerin aus Hilchenbach, hat die Dokumente aus dem Koffer aufgearbeitet. Im Oktober soll diese Geschichte öffentlich erzählt werden.

Diese Geschichte ist ganz nah – und eine andere auch: Wolfgang Burbach, der den Gebrüder-Busch-Kreis groß gemacht hat, meldete bei der Ausstellungseröffnung die Patenschaft für einen weiteren Stolperstein an: für Johanna Rosenhelm, seine frühere Nachbarin aus Krombach, die 1943 in Sobibor ermordet wurde. Diesem ersten Kreuztaler Stolperstein werden weitere folgen. Denn der Siegener Historiker Dr. Dieter Pfau wird im Januar 2011 die im Auftrag der Stadt erstellte Broschüre vorlegen, in der er Schicksale jüdischer Familien in Kreuztal dokumentiert. Das Gedenken an Fred Meyer, der als Dreijähriger 1943 von den Nazis verschleppt wurde, pflegt die Stadt Kreuztal an dem nach dem jüdischen Jungen benannten Platz – immer am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, dem 27. Januar. Dieses Gedenken ist erst ein Anfang. Auch wenn er schon vor 25 Jahren gemacht wurde.

Steffen Schwab

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