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Gedächtnis der Stadt hat noch Lücken

25.03.2008 | 17:00 Uhr
Gedächtnis der Stadt hat noch Lücken

Das Gedächtnis der Stadt Kreuztal hat noch einige Lücken. Aber Ria Siewert arbeitet daran, die „weißen Flecken” auf der historischen Landkarte der 1969 gebildeten Kommune zu tilgen. Seit zwölf Jahren ist sie Stadtarchivarin.

Die Vergangenheit ist einigermaßen abgedeckt: Durch Heimatforscher wie Hermann Engelbert, Ulrich Hadem, Erich Klein oder Werner Herling und die Arbeitsgruppe Ortsgeschichte in Ferndorf. Dazu gibt es Sammler wie Erhard Berner und Günter Weller, die über vielfältiges Detailwissen verfügen. So ziemlich jeder Stadtteil ist erfasst, durchleuchtet und beschrieben - außer Kreuztal, Kredenbach und Eichen. Ria Siewerts Aufgabe ist es, den Bogen zwischen Gestern und Heute zu schlagen, die neuere Entwicklung zu dokumentieren. 1997 hat sie das Dachgeschoss der Gelben Villa in Dreslers Park bezogen. Davor war das Archiv der Stadt Kreuztal ein Sammelsurium an verstaubten Akten in alten Kartons, die an verschiedenen Stellen lagerten - etwa im Keller der Grundschule Krombach oder im alten Gemeindebüro von Buschhütten. Eine Dependance hat das Archiv schon: im Haus der Fraktionen an der Roonstraße. Das Ambiente der im vorletzten Jahrhundert gebauten Villa im toskanischen Stil ist wie geschaffen für ein Archiv und ohnehin der schönste Arbeitsplatz, den die Stadt Kreuztal zu bieten hat. Nicht nur für die Archivarin, auch für ihre zahlreichen Gäste: Ahnen- und Heimatforscher, Wissenschaftler, Studenten und Schüler. Sie können dort in aller Ruhe recherchieren. Zwei Räume mit hohen Regalen bergen die Schätze der Vergangenheit, die größtenteils aus Relikten der früher selbstständigen Gemeinden stammen, aber immer mehr auch aus Beständen der „jungen Stadt am Kindelsberg”. Bedeutung gewinnen zudem die Dokumente aus privatem Besitz, die ins Eigentum des Stadtarchivs übergehen. Christel Saß aus Littfeld hat gerade 14 Sammelalben vorbeigebracht, die sie Jahrzehnte lang auf dem Dachboden in einem Schrank aufbewahrte. Es sind Bildersammlungen aus den 1930er Jahren, die der Sohn ihrer Großtante und ihres Großonkels angelegt hat. Fritz Löw wurde 19 Jahre alt, starb 1943 im Krieg als Soldat. Hinterlassen hat er nur die Sammelalben, die Themen der Vorkriegszeit wie die Olympischen Spiele 1936 oder militärische Motive zum Inhalt haben. Ria Siewert wird sie als zeittypische Dokumente in das Archiv integrieren - wie so vieles, das historisch vielleicht nicht bedeutsam, aber einen Eindruck vermittelt, was Menschen bestimmter Epochen wichtig war. Bis in die Anfänge des Staates Preußen im 19. Jahrhundert reichen manche Akten zurück, die Ria Siewert hütet. Gemeindeprotokolle aus dem vorigen Jahrhundert fehlen wiederum dekadenweise. Niemand weiß, wohin sie verschwunden sind, als die kleinen örtlichen Büros der Bürgermeister aufgelöst wurden. Manche dürften noch auf Dachböden lagern. Wenn sie alte Firmen- oder Verwaltungsakten durcharbeitet, kommt mancher überraschende Fund zum Vorschein. Hier ein Strafbefehl von 1882 wegen einer versäumten Abmeldung, dort ein Pamphlet gegen Schundliteratur aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, ein flammender Appell gegen den Alkohol aus 1924 oder die Recherche eines Metzgers zum 100-jährigen Betriebsjubiläum, das Programm des DGB zum 1. Mai 1962 (Schlusslied: „Brüder zur Sonne...”). Der Rest ist Staub und akribische Arbeit. Allergiker dürfen Archivare nicht sein, zumal beim Blättern in den vergilbten Akten einiges durch die Luft wirbelt. Einen Schülerpraktikanten musste Ria Siewert deshalb wieder fortschicken. In der Tat hängt - je nach Zustand der Akten - einunverwechselbarer Geruch im Raum. Das holzreiche Papier lässt sich heute mit neuen Verfahren von der zerfressenden Säure befreien. Aufwändig, aber lebensrettend für die Konvolute. Viele tausend Bilder, die inzwischen im Stadtarchiv gesammelt worden sind, hat Ria Siewert abfotografiert und digital gespeichert. Ob dies aber für die Ewigkeit ist - darüber sind sich die Fachleute nicht einig. Die Endlichkeit von elektronischen Speichermedien ist deshalb auch unter den Archivaren ein Thema. Es ist ein Dilemma: Was nicht aus Altersgründen zerfällt, das verschwindet möglicherweise einfach eines Tages von der Festplatte. Der gute alte Mikrofilm ist dazu immer noch eine Alternative. Dabei ist noch so viel zu sichten: Kartons gibt es, in die Ria Siewert in zwölf Jahren noch keinen Blick werfen konnte, weil dazu die Zeit fehlte. Zudem nehmen Außentermine, die Vorbereitung und Mitarbeit an Ausstellungen oder Veröffentlichungen viel Zeit in Anspruch. „Mit Leib und Seele” zeigte vor einigen Jahren die Geschichte des Frauensports in Kreuztal. Eine andere Fotoausstellung war dem 75 Jahre alten Freibad in Buschhütten gewidmet.  Ria Siewert will den Eindruck widerlegen, dass Archivare „einsam und allein” vor sich hin wirken. Im Gegenteil: Jeder historisch Interessierte ist willkommen. Aber sie wünscht sich auch verstärkt ehrenamtliche Mitarbeit. Denn es gibt noch viel zu entdecken im Kreuztaler Stadtarchiv, manches überraschende Kapitel muss erst noch aufgeschlagen werden.

Stadtarchiv:  51-420

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Kommentare
22.03.2008
10:37
Gedächtnis der Stadt hat noch Lücken
von hseichen | #1

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