Geburt einer Karnevalshochburg

„Sind Sie maskiert, oder sehen Sie immer so aus?“ Mit diesem ersten Satz seiner Begrüßung hatte Musikdramaturg Jan Vering das Eis gebrochen. Dabei sah man nur einen zurückhaltend kostümierten Theatergast. Sich verkleiden und feiern gehört eben nicht zu den Kern-Eigenschaften pietistisch-calvinistisch geprägter Siegerländer. Doch nun ließ einer der größten Sender Europas, der WDR, sein traditionelles Rosenmontags-Live-Konzert schon zum zweiten Mal nicht etwa in Köln oder Düsseldorf sondern in Siegen stattfinden.

Kölsch als Fremdsprache

Das Rezept und Konzept des Abends ist schnell beschrieben: Ein Ensemble aus sechs Musikern aus mehreren Ländern Europas und mittendrin, gemütlich im Ohrensessel sitzend, der Ur-Kölner Burkard Sondermeier als Sprecher und Sänger. Lieder und Verzellcher, Karnevalsmelodien und kleine, witzige Episoden sind es, die das Programm ausmachen.

Die trägt Sondermeier, Typ gut erhaltener, flotter Opa, mit typischer Kölner Sprachmelodie unverwechselbar authentisch vor. Singen kann er – eher nicht. Will er auch nicht, muss er auch nicht. Der Abend erhält seinen Reiz dadurch, dass Burkard Sondermeier Köln-Typisches typisch Kölsch darstellt. Besonders gut gelingt ihm das bei Willi Ostermanns Katzen-Klassiker „Die Mösch“, sowie beim aktuellen Kölle-Hölle-Quereelchen: „Kölle is verstoppt, jo de Meissner, he isfott.“ (Sie merken schon, Kölsch ist eine Fremdsprache.)

Sanfte Wellenbewegungen

Dazwischen Erhellendes über den Dreispitz mit einem hinreißenden Gitarrenduo „Mein Hut, der hat drei Ecken“ und Überraschendes: Das Zither-Thema aus Alfred Hitchcocks „Der dritte Mann“, in Ermanglung einer Zither mit einer portugiesischen Gitarre grandios interpretiert. Alle Musiker sind hervorragend. Der Tanz der Kobolde des Italieners Antonio Bazzini ist ein atemberaubend federleichter Fingertanz auf den Saiten der Violine, der jeden Virtuosen vor höchste Anforderungen stellt.

Burkard Sondermeier traut sich auch in Nicht-Kölsche Gefilde. Mit dem flotten Mottenblues à la Marlene Dietrich im leichten Swing jene kleinen Quälgeister anklagend, die auch die schönsten, auf ihren Auftritt wartenden Kostüme durchlöchern. Und er zeigt: Karneval ist musikalisch weit mehr als der längst totgehörte Höhner-Klamauk, sondern humorvoll, bodenständig, nachdenklich – und international: Österreichisch, Portugiesisch, Spanisch, Kanadisch und natürlich Kölsch.

Daher ganz zum Schluss etwas zum Mitsingen: Jupp Schmitz’ „Am Aschermittwoch ist alles vorbei, die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei“. Dass, Burkard Sondermeier sei Dank, noch nicht alles vorbei ist, wird schnell klar. Im „Zugabenblock für Unerschrockene“ ein französisches Schunkellied (Sondermeier: „Zum Schunkeln nicht geeignet“), aber zum Mitmachen: In sanften Wellenbewegungen des ganzen Körpers, rhythmischen Armchoreographien, Reitgymnastik.

Und: Die Siegener machen mit, ebenso wie beim aller-allerletzten Lied, der Deutschland–Hymne, auf den Text „Kölle, Kölle, Kölle, Kölle…“ Da bleibt kein Zweifel: Siegen ist die neue Karnevalshochburg.