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Früherer Chef des Hilchenbacher Bauhofs steht vor Gericht

03.07.2012 | 11:00 Uhr
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Früherer Chef des Hilchenbacher Bauhofs steht vor Gericht
Im Hilchenbacher Bauhofprozess ist der frühere Bauhof-Chef vor Gericht angeklagt. Symbolfoto: Franz Luthe/WR

Hilchenbach/Siegen.   Bernd D., ehemaliger Landschaftsgärtner des Hilchenbacher Bauhofs, musste bis 2008 ein Martyrium am Arbeitsplatz erleiden. Seine Peiniger wurden im ersten Bauhofprozess verurteilt. Jetzt sitzt der frühere Bauhof-Chef auf der Anklagebank. Er soll für den Missbrauch von Bernd D. mitverantwortlich sein.

Zwei Jahre nach dem Ende des ersten Bauhofprozesses, vier Jahre nach den letzten Misshandlungen, steht der heute 32-Jährige wieder im Zeugenstand. Angeklagt ist sein früherer Bauhof-Chef. Er soll mitverantwortlich für die Qualen sein, die Bernd D. bis 2008 ertragen musste. Drei Arbeiter der Straßenunterhaltungskolonne waren 2010 zu Freiheitsstrafen verurteilt worden , darunter einer auf Bewährung. Der Vorarbeiter wurde freigesprochen. Der stellvertretende Leiter des Hilchenbacher Bauhofs zahlte eine Geldbuße. Und das sollte der Chef auch tun. Doch weil Joachim St. einen Strafbefehl nicht akzeptierte, sitzt er nun auf der Anklagebank.

„Durch Fahrlässigkeit“, sagt Oberstaatsanwalt Joachim Ebsen, sei St. für die von Bernd D. erlittenen Verletzungen mitverantwortlich. „Er bat Sie um Hilfe, aber Sie lehnten es ab, sich die Vorwürfe näher anzuhören“, sagte Ebsen bei einer Neuauflage der Bauhof-Prozesse. Bernd D. sei mit Knüppeln geschlagen, erniedrigt, gequält und sogar in lebensbedrohliche Situationen gebracht worden. Doch der Bauhofleiter sei „aus Bequemlichkeit“ nicht eingeschritten. „Es wäre Ihnen unangenehm gewesen.“ Denn schließlich hätten sich die Vorwürfe gegen „gut angesehene Kollegen“ gerichtet.

Brutale Peiniger

Einen der beiden, die derzeit ihre Freiheitsstrafen verbüßen, hat Margrete Haimayer in dem bundesweit Aufsehen erregenden Prozess verteidigt. Jetzt sitzt sie an der Seite von Joachim St. und hört ein weiteres Mal, was der inzwischen beim Kreis Siegen-Wittgenstein („Der Landrat hat mich rausgeholt“) beschäftigte Landschaftsgärtner über seinen ehemaligen Arbeitsplatz berichtet. „Die schlagen mich“, habe er seinem Chef gesagt. Und der habe sich an seine Peiniger gewandt: „Nehmt ihn mal mit nach hinten und zeigt ihm das auf eure Weise“ — das nämlich, was „Fresse halten“ bedeutet.

Oberstaatsanwalt Joachim Ebers wirft dem Angeklagten "Fahrlässigkeit" vor. Foto: Schwab/WR

Die Fassungslosigkeit verbindet, wie vor zwei Jahren, die Parteien und das Publikum. Nein, sagt Joachim St., er habe nur einmal beobachtet, wie der spätere Hauptangeklagte Friedrich S. und Bernd D. sich „geschubst“ hätten. Beschwerde geführt habe D. nicht über Schläge, sondern über seinen direkten Vorgesetzten: den Leiter der Gartenkolonne und stellvertretenden Bauhof-Chef.

Misshandlungen am Arbeitsplatz vor vier Jahren aufgedeckt

Richter Bastian Cardue versucht zu verstehen: Mit seinen Beschwerden hätte Bernd D. doch geradezu provoziert, in die Kolonne um Friedrich S. versetzt zu werden. „Ich habe dafür auch keine Erklärung“, sagt der 57-Jährige, der inzwischen als technischer Angestellter in der städtischen Bauverwaltung eingesetzt ist. Am 8. Juli 2008 habe ihn die Mutter von Bernd D. über die Misshandlung ihres Sohnes informiert, von der sie gerade selbst erst erfahren hatte. Diesem letzten Schlag mit einem Heurechen folgte die Aufdeckung des Hilchenbacher Mobbing-Skandals. Und die begann mit einer Frage, erinnert sich Joachim St.: „Ich habe Bernd gefragt, warum er sich uns nicht anvertraut hat.“

Der Hilchenbacher Bauhof war einer der Tatorte. Drei ehemalige Kommunalarbeiter wurden bisher verurteilt. Foto: WR

„Ich muss damit noch Jahre leben“, sagt ein spürbar erschöpfter Bernd D., der sich nach wie vor in Therapie befindet, um seine Erlebnisse aufzuarbeiten. Das und auch die vielen schlaflosen Nächte wären ihm erspart geblieben, „wenn alle ihre Pflicht getan hätten.“ Und dieser Montag vor dem Amtsgericht ist erst der Anfang. Am Mittwoch beginnt die Revisionsverhandlung vor dem Landgericht, nachdem der Bundesgerichtshof den einzigen Freispruch aus dem Prozess von 2010 aufgehoben hatte. Am Amtsgericht geht es am 23. Juli weiter: So viel Zeit lässt Richter Bastian Cardue dem Ankläger und der Verteidigung, um Bauhof-Prozessakten zu lesen. 1295 Blatt.

Steffen Schwab

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