Flick wird entfernt, aber nicht getilgt
07.11.2008 | 19:57 Uhr 2008-11-07T19:57:19+0100Kreuztal/Siegerland.
Am Tag 1 nach der von vielen Beobachtern als historisch bezeichneten Ratssitzung in Kreuztal hat am ehemaligen Friedrich-Flick-Gymnasium das große Aufräumen begonnen.
Der Stadtrat hatte am Donnerstag mit 26:12 Stimmen wegen der schweren Verwicklungen Flicks in Verbrechen des Nationalsozialismus beschlossen den Namen der Schule zu ändern. Am Städtischen Gymnasium Kreuztal wurde deshalb morgens das Portrait Flicks von der Wand gehangen. Die Schule habe auch begonnen die Briefköpfe zu ändern und die Schilder "Friedrich-Flick-Gymnasium" zu entfernen, sagte Schulleiter Herbert Hoß im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Internetpräsenz dürfte bald folgen; dort findet sich bereits ein Hinweis darauf, dass die Seite überarbeitet wird. "Das nehmen die Schüler wahr. Das ist Thema Nummer 1 an der Schule".
Innerhalb der Schülerschaft werde der Ratsentscheid kontrovers diskutiert. Der Name "Flick" werde jetzt auch nicht aus der Schulgeschichte völlig getilgt. "Das wäre töricht", meint Hoß, der die Erinnerung an 39 Jahre Flick-Gymnasium aufrecht erhalten möchte. Von einem Gymnasium müsse man erwarten können, dass es sich etwa im Geschichtsunterricht mit dem früheren Namensgeber weiterhin differenziert auseinandersetze.
Patrick Fick, der mit der Internetpräsenz www.flick-ist-kein-vorbild.de den jüngsten Protest initiiert hatte, hält eine künftige Auseinandersetzung mit Flick am Gymnasium für unabdingbar. "Geschichte bleibt lebendig, wenn sie in Erinnerung bleibt".
Fick kritisiert unterdessen, dass Mitglieder des Fördervereins nach der Umbenennung angekündigt haben, ihre Unterstützung für die Schule zu beenden und ruft jetzt seinerseits auf, das Städtische Gymnasium zu unterstützen.
Generationenkonflikt Bürgermeister Rudolf Biermann vermutet einen Generationenkonflikt in Kreuztal in der Flick-Frage. Die älteren Siegerländer, die Flick noch kannten, seien insgesamt konservativ. Diese sehr heimatverbunde Generation sehe in erste Linie die Verdienste des spendablen Gönners Friedrich Flick. "Sie sind vor allem dankbar und fühlen sich Flick eng verbunden", vermutet Biermann. Es fehle das Verständnis dafür, dass Flick auch großes Unrecht getan habe - und außerhalb von Kreuztal die Person Flick ganz anders wahrgenommen werde. "Die jüngere Generation sieht das viel differenzierter", meint Biermann.
Nachdem am Donnerstag die Entscheidung contra Flick gefallen war hatten auch zahlreiche Jugendliche vor der Stadthalle begeistert und erleichtert reagiert. Schulleiter Hoß erzählt indes von einem 85-jährigen Mann, der die Ratssitzung kopfschüttelnd verfolgt habe. "Der kannte Flick noch. Für ihn war es ein ganz schwerer Abend".
Für CDU-Fraktionschef Werner Müller hat die Stadt Kreuztal "an Persönlichkeit verloren". Die Debatte habe schwere Gräben in der Bevölkerung hinterlassen. "Das demokratische Ende müssen wir aber alle akzeptieren".
Ein weitere Konfliktherd - der zwischen Bürgermeister und CDU-Mitglied Biermann und seiner Fraktion - schwelt noch. Teile der CDU hatten schwer vergrätzt darauf reagiert, als Biermann mit seiner Ankündigung, er sei für eine Umbenennung die Stimmung im Stadtrat kippen ließ. Biermann und Fraktionschef Werner Müller zeigten sich versöhnlich. "Es hat tiefe Risse gegeben", sagte Biermann und auch Müller sprach davon "menschlich enttäuscht zu sein". Beide kündigten an, in Zukunft wieder zusammen arbeiten zu wollen. "Es muss uns gelingen die Gräben zuzuschütten", so Müller.
An der Friedrich-Flick-Stiftung will Bürgermeister Biermann unterdessen festhalten. Sie schüttet jährlich 5000 Euro aus, die zum Teil bedürftigen Schülern zu Gute kommt. "Das Ziel Flicks war es die Bildungsmöglichkeiten Jugendlicher zu fördern - auch unabhängig davon, wie das Gymnasium heißt", so Biermann.
04:31
Maßgebliche Beteiligung an Massen- und versuchtem Völkermord ist etwas, was auch durch sontige Verdienste nicht wieder gut gemacht werden kann.
Zumal jede Art des Verdienst davon überschattet wird, dass bis heute jegliche Entschädigung von Zwangsarbeitern oder deren Familien ausgeblieben ist.
02:18
Demokratisches Ende? Ich habe eher den Eindruck, der Stadtrat ist eingeknickt vor der Stimmungsmache für eine Umbenennung in den Medien. Insbesondere Herr Thilo Schmidt, der den Aktionismus mit mehreren Ausstrahlungen im Deutschlandfunk unterstützt hat. Ebenso hatte ich den Eindruck, dass die WR-Redakteure, die das Thema regelmäßig wieder zur Sprache gebracht haben, eher Stimmung für die Umbenennung machen wollten.
Bei Gott, ich will das Unrecht, das Flick begangen hat, nicht wegdiskutieren oder gutreden. Aber wurde irgendwo erwähnt, dass Flick auch Träger des Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband war? Genau so wie die Gräueltaten verurteilt wurden, hätte zur journalistischen Neutralität auch die Berichterstattung mit einer Würdigung der Verdienste Flicks gehört, damit man sich ein umfassendes Bild zur Meinungsfindung hätte machen können. Aber bei uns darf ja offenbar bloß nichts positives über jemanden erwähnt werden, der am Gräuel der NS-Zeit irgendwie beteiligt war, weil man dann ja gleich wieder als rechts dargestellt wird.