Fleißkärtchen machen Hilchenbacher Kinder fromm

Kulturausschussvorsitzende Annette Czarski-Nüs mit Museumsleitern Reinhard Gämlich (Wilhelmsburg, links) und Henning Moll (Hadem).Foto:Steffen Schwab
Kulturausschussvorsitzende Annette Czarski-Nüs mit Museumsleitern Reinhard Gämlich (Wilhelmsburg, links) und Henning Moll (Hadem).Foto:Steffen Schwab
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Hilchenbach..  „Kenn’ ich.“ Irgendwo hat sie jeder schon einmal gesehen, die auf Holz oder Pappe gedruckten Sprüche, die wohl tausendfach vervielfältigten Abbildungen von engelsgleichen Knaben mitten in einem pastoralen Idyll, mit deutenden Zeilen aus Gebeten oder einem schlichten „Friede“ versehen. Bei der Eröffnung der Ausstellung in der Wilhelmsburg entdecken die Hilchenbacher wieder, wie Großeltern und Urgroßeltern in Haus und Hof ihren Glauben dokumentierten.

„Miteinander ins Gespräch kommen“

„Sie glauben gar nicht, was für in­teressante Sachen in den Bibeln stehen“, sagt Henning Moll, der die Ausstellung „Glaube auf dem Land“ aus dem Fundus seines Landwirtschaftsmuseums in Hadem bestückt hat. Manches Exemplar ersetzt die Familienchronik – anrührend der Bericht, wie der Großvater am selben Tag starb, an dem sein Enkel das Licht der Welt erblickte.

Tassen, Teller, Gläser: Von der Konfirmation bis zum Ehejubiläum reichen die Anlässe, zu denen durchaus wertvolle Erinnerungsstücke mit christlichem Glauben verbunden werden. „Ein lehrreicher Einblick in die Volksfrömmigkeit auf dem Land“, findet Annette Czarski-Nüs, die als Kulturausschussvorsitzende die Ausstellung eröffnet. „Der Glaube hat das Leben der Menschen bis in den Alltag ­hinein geprägt.“ Heute sei das anders — ohne dass das Thema weniger präsent wäre: „Es wird so intensiv wie lange nicht mehr über Religion und Glauben diskutiert.“ Möglicherweise, so die Grünen-Politikerin, biete die Ausstellung einen Zugang, „miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Auffallen wird dabei die Selbstverständlichkeit, in der Gewissheiten auf Handtüchern wie auf Wandschmuck dokumentiert und demonstriert werden: „Wo Lieb und Treu die Wache hält, da ist’s im Hause wohl bestellt.“ Und die Nähe von Außergewöhnlichem und Alltäglichen, zum Beispiel in dem Brief, den ein junger Mann als Lebenszeichen von der Front in Frankreich schickt. „Ich will euch eben mal mitteilen, dass ich gesund bin. Dasselbe hoffe ich von euch“, steht auf dem Briefpapier mit dem Kopf der Soldatenmission. Und nur ein paar Zeilen weiter: „Liebe Mutter, habt ihr denn viele Kartoffeln gekriegt, und was machen die Schweine?“

Alles in einer Hand

Die Ausstellung vollzieht den Weg zur ganz normalen Frömmigkeit nach: Bogenweise hat Henning Moll die Fleißkärtchen zusammengetragen, die in Kindergottesdienst und Sonntagsschule verteilt wurden. Mit Ornamenten versehen das „Gedenkblatt zur Erinnerung der Sonntagsschule“, der wohl höherer Rang zukommt als der zuvor absolvierten Volksschule. „Dein Lehrer und Seelsorger“ unterschreibt die Urkunde — die Erziehung auf dem Land ist in einer Hand, und in der bleibt auch das weitere Leben, wie zum Beispiel die Mitgliedskarten der „Frauen-Hülfe“ belegen, „unter dem Protektorate Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Auguste Viktoria“.

„Viele Leute kommen einfach vorbei“, berichtet Henning Moll über die Entstehung seiner Sammlung. Manches hat er selbst vor dem Sperrmüll gerettet, anderes auf dem Flohmarkt wiederentdeckt — preisgegeben als Massenware, deren Besitzer den Erinnerungswert gering schätzen. Manchmal sind Schätze dabei, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Catharina Bäumener wurde am 7. Oktober 1855 in Netphen konfirmiert, Wilhelm Menn am 25. April 1847 in Hilchenbach. Am 11. März 1866 werden sie in Hilchenbach getraut. Ihre „Confirmations-Atteste“ tragen denselben Bibelspruch.