Extreme Jahre gab es regelmäßig
03.08.2010 | 17:03 Uhr 2010-08-03T17:03:00+0200
Kreuztal-Eichen.Ein Alukoffer birgt das Gedächtnis der vergangenen 108 Jahre: Eine Sammlung von kleinen Notizbüchern, erst grau, später rot, immer im gleichen Format und immer für ein ganzes Jahr.
Seit 1902 wurde in Krombach, seit den 1920er Jahren wird in Eichen ganz offiziell der Niederschlag gemessen: zunächst für das Königlich Preußische Meteorologische Institut, seit den 1920er Jahren für den Deutschen Reichswetterdienst, nach 1945 für den Deutschen Wetterdienst.
Seit 1947 befinden sich die Unterlagen im Besitz der Familie Siebel aus Eichen. Zunächst war es der Großvater Heinrich Schürmann, der allmorgendlich die Messergebnisse eintrug. Das war noch am Mühlengraben; 1963 folgte der Umzug an die Weidenfohr, wo nach seinem Tod im Jahre 1976 Schürmanns Tochter Ilse Siebel und ihr Mann Helmut die Aufgabe übernahmen. Heute sind es Enkel Arne Siebel und seine Frau Bettina, die akribisch die Niederschlagswerte der vergangenen 24 Stunden aufschreiben. Deren drei Kinder helfen als „vierte Generation“ aber auch schon mit, die Kontinuität zu wahren.
Unterbrechung nur
während des Krieges
365 Tage im Jahr geschieht dies. Heinrich Schürmann übernahm die Messungen im zweiten Nachkriegsjahr. Bis April 1946 allerdings hatte es eine eineinhalbjährige Unterbrechung der Wetterbeobachtungen gegeben. Denn kriegsbedingt war seit Oktober 1944 nicht mehr gemessen worden. In der Sammlung der Jahrbücher fehlen auch das Jahr 1912 und einige 1920er Jahrgänge.
Damals hatte eine Eichener Lehrerin namens Niekötter von einem Kollegen aus Krombach die Aufgabe der Wetterbeobachtung übernommen. Standort war zunächst die Volksschule in Eichen, bevor Heinrich Schürmann 1947 die Messstation in seinen Garten in Stendenbach verlegte. Seit 1963 steht der glänzende Zylinder an seinem jetzigen Platz. „All die Jahre hat sich sein Aussehen nicht verändert“, weiß Arne Siebel. Nur das Material ist im Laufe der Zeit besser geworden: Statt verzinktem Blech wird inzwischen Edelstahl verwendet.
Die Messmethode ist die stets gleich geblieben: Der bei Niederschlägen aller Art - Regen, Schnee, Tau oder Hagel – gesammelte Inhalt wird zu einer festen Tageszeit in einen Messzylinder umgeschüttet, dessen Skala die genaue Menge angibt (siehe Infobox). Die Messung erfolgt unter Bedingungen der Sommerzeit um 7.45 Uhr, im Winter zur mitteleuropäischen Normalzeit um 6.45 Uhr.
Bei jedem Wetter wird diese Pflicht erfüllt: Im letzten Winter war mancher eisige Morgen dabei, an dem die Siebels sich den Weg zum Messzylinder freischaufeln mussten. Auch die von ihnen gesammelten Daten fließen ein in die meteorologische Gesamtbetrachtung und erlauben den Experten Rückschlüsse für die Landwirtschaft und natürlich für den Wasserhaushalt. Und längst gibt es eine Art „Kontrolle“ aus dem Weltraum: Satelliten zeichnen auf, was im direkten Umfeld der Eichener Wetterstation geschieht. Vormittags und nachmittags werden Bilder übertragen und gespeichert, die mit den Aufzeichnungen der Siebels abgeglichen werden. Nur selten gibt es Differenzen.
Arne Siebel begann selbst im Alter von 18 Jahren, sich mit dem Wetter zu beschäftigen: Als seine Mutter vor 34 Jahren die Wetterstation übernahm, beschäftigte er sich damit, die ermittelten Werte in Tabellen und Statistiken umzurechnen. Die wichtigsten Daten sind deshalb mit einem Blick zu erfassen, die extremen Ausschläge ebenso wie die „normalen Jahre“, die es aber eigentlich nie gab.
Seit 1980 auch Daten
für unsere Zeitung
Täglich muss aufgeschrieben werden, ob es Gewitter gab, wie der Zustand des Erdbodens war, wie hoch der Schnee war, ob sich ein Regenbogen zeigte. Nurdie Temperaturen sind (noch) nicht gefragt. Doch die soll künftig auch in Eichen gemessen werden. So gibt es trotz der immer wiederkehrenden Routine auch Neuerungen: „Es macht einfach Spaß“, bringt Arne Siebel auf einen einfachen Nenner, was ihm und seiner Familie die Wetterbeobachtung bedeutet.
In diesen Tagen jährt sich auch ein besonderer Service: Seit Juli 1980 beliefert die Familie Siebel unsere Zeitung mit den Wetterdaten aus Eichen. Es war damals ein äußerst nasser Juli, in dem nur fünf Tage niederschlagsfrei waren und 233 Liter pro Quadratmeter gemessen wurden. Deshalb: Extreme Wetterereignisse, so Arne Siebel, hat es im Laufe der über 100 Jahre immer wieder gegeben. Wenn es den oft zitierten Klimawandel geben sollte, ist er schon länger unterwegs.
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